Ukrainekrieg und Co. Globale Belastungen machen 2022 zu einem Ausnahmejahr für ESG-Strategien

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Ukrainekrieg und Co.
Globale Belastungen machen 2022 zu einem Ausnahmejahr für ESG-Strategien
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Das Umfeld für Investments mit ESG-Charakter war 2022 nicht einfach. Philipp Finter, Sebastian Lechner und Kilian Schäfer von Metzler AM haben die Wertentwicklung nachhaltiger Aktienstrategien genau unter die Lupe genommen.

Das Umfeld für Investments mit ESG-Charakter war 2022 nicht einfach. Philipp Finter, Sebastian Lechner und Kilian Schäfer von Metzler AM haben die Wertentwicklung nachhaltiger Aktienstrategien genau unter die Lupe genommen. Foto: Metzler AM

Das Jahr 2022 war herausfordernd für viele Aktienanlagestrategien mit ESG-Fokus. Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine und hohe Preise für Energieträger begünstigten nicht nachhaltige Geschäftsmodelle. Entsprechend gefragt an den Börsen waren beispielsweise die Aktien von Rüstungsunternehmen oder Aktien von Unternehmen, die auf unkonventionelle Methoden bei der Förderung fossiler Energien setzen.

So erzielte ein globales kapitalwertgewichtetes Strategieportfolio mit Unternehmen, die in kontroversen Geschäftsfeldern tätig sind, bis einschließlich Oktober 2022 eine beträchtliche Überrendite von 46,7 Prozentpunkten gegenüber dem MSCI AC World Index. Für ein europäisches Portfolio mit Unternehmen mit kontroversen Geschäftsaktivitäten beläuft sich die Überrendite auf 38,9 Prozentpunkte im Vergleich zum MSCI Europe Index. In den Portfolios befinden sich Unternehmen, die mit Atomwaffen und kontroversen Waffen in Verbindung stehen oder unkonventionelle Öl- und Gasförderung tätigen. Auch Unternehmen, die große Teile ihrer Umsätze mit konventionellen Waffen, Tabakprodukten, Atomenergie, Uranabbau oder Thermalkohle erwirtschaften sind Bestandteil der Portfolios.

 

 

 

Zumindest in Europa war es in den vergangenen Jahren unter dem Gesichtspunkt der Performance keine gute Strategie, in Aktien zu investieren, die gegen die Standards des UN Global Compact verstoßen oder für die kontroverse Geschäftspraktiken dokumentiert sind. Das könnte sich 2022 erstmals seit fünf Jahren geändert haben: Ein entsprechend konstruiertes Strategieportfolio weist bis Oktober 2022 eine Mehrrendite von 7,4 Prozentpunkten gegenüber dem MSCI Europe Index aus – Investiert wird in die Aktien von denjenigen Unternehmen, die gegen die Standards des UN Global Compact verstoßen, und für die mindestens moderate andauernde Missstände dokumentiert sind, die dem Unternehmen direkt zuzurechnen sind. Hinsichtlich der Definition und Kategorisierung der Missstände erfolgt eine Orientierung an der Kontroversen-Methodik von MSCI ESG Research.

Damit folgt der europäische Aktienmarkt in diesem Jahr einem weltweiten Trend: Auch international verzeichnen Aktien von Unternehmen mit kontroversen Geschäftspraktiken 2022 bisher eine bessere Wertentwicklung als der MSCI AC World Index.

Aktien mit hohen ESG-Scores zählen zu den Underperformern

Während nicht nachhaltige Aktien an den Börsen gefragt waren, litten gleichzeitig die Aktien tendenziell nachhaltiger Geschäftsmodelle, dabei handelt es sich häufig um Qualitäts- und Wachstumsunternehmen, unter stark steigenden Zinsen durch die Inflationsbekämpfung der Notenbanken. Erstmals seit vielen Jahren entwickelten sich Strategien, die systematisch in diejenigen Unternehmen investieren, die die besten ESG-Profile aufweisen, im bisherigen Jahresverlauf mehrheitlich nicht besser als ihre jeweiligen Vergleichsindizes. Die nachfolgende Abbildung zeigt dies am Beispiel eines Strategieportfolios, das in die 20 Prozent der Unternehmen aus dem MSCI Europe Index mit den besten ESG-Profilen investiert. Zur Bestimmung des ESG-Profils wird der ESG-Score von MSCI ESG Research verwendet.

 

 © Metzler Asset Management

Auch global zählten Unternehmen mit den besten ESG-Profilen im Jahr 2022 bisher nicht zu den Gewinneraktien. Dies lässt sich im Wesentlichen auf die unterdurchschnittliche Wertentwicklung von Technologie-Aktien zurückführen, die insbesondere in den USA häufig sehr gute ESG-Profile haben. Auch Gewinnmitnahmen könnten ein Grund für die unterdurchschnittliche Performance 2022 sein. Unternehmen mit hohen ESG-Scores erzielten in den vergangenen Jahren Überrenditen, wie das Beispiel Europa zeigt. Trotz einer schlechteren Wertentwicklung von 4,3 Prozentpunkten im laufenden Jahr beläuft sich die Outperformance über unseren mehr als fünf Jahre umfassenden Untersuchungszeitraum immer noch auf 22,9 Prozentpunkte.

 

 

 

Gemischter fällt das Bild aus für die Strategien, die systematisch in Unternehmen investieren, deren ESG-Profile sich in den letzten zwölf Monaten am meisten verbessert haben. Während Unternehmen im MSCI AC World Index mit hohem ESG-Momentum bis Oktober 2022 eine Überrendite von 3,7 Prozentpunkten erzielten, schnitten ihre europäischen Pendants 2,1 Prozentpunkte schlechter ab als der Vergleichsindex. Dabei fällt auf, dass US-Unternehmen ihre ESG-Profile im internationalen Vergleich deutlich verbessern konnten. Für Europa fallen die ESG-Profile bereits vergleichsweise gut aus, entsprechend wurden zuletzt geringere Verbesserungen verzeichnet.

Klimaschonende Portfolios mit Überrenditen in 2022

Für gerade einmal zwölf Prozent der mehr als 2.800 Unternehmen im MSCI AC World Index berechnet MSCI ESG Research ein Erwärmungspotenzial von weniger als 1,5 Grad Celsius. Die große Mehrheit der Unternehmen muss ihre Anstrengungen also erheblich steigern, sofern sie ihr Geschäftsmodell zukünftig klimaneutral ausrichten wollen. Die Anleger, die schon jetzt eine klimaschonende Ausrichtung ihres Portfolios bevorzugen, wurden zuletzt dafür belohnt, wie die nachfolgende Abbildung am Beispiel europäischer Aktien zeigt. Zu den Gründen dafür zählen die hohe Gewichtung von Finanz- und Gesundheitsaktien im Portfolio, deren Wertentwicklung in diesem Jahr bisher vergleichsweise positiv ausfiel.

 

Metzler AM

 

Zu den Unternehmen mit mehr als 3-Grad-Celsius-Erwärmungspotenzial zählen CO2-intensive Unternehmen wie Versorger sowie Unternehmen der Grundstoffindustrie und dem Öl- und Gas-Bereich. Gerade letztere zählen in den USA in diesem Jahr zu den Gewinnern am Aktienmarkt – und ein entsprechendes Portfolio aus „Klimasündern“ weist ein Plus von gut 30 Prozentunkten im Vergleich zum MSCI USA Index auf. Mit einem Erwärmungspotenzial von 5,9-Grad-Celsius und einer CO2-Intensität – die hier verwendete Co2-Intensität misst die direkten („Scope 1“) und indirekten („Scope 2“) Treibhausgas-Emissionen in CO2-Äquivalenten im Verhältnis zum Umsatz die diejenige des MSCI USA Index um mehr als den Faktor fünf übersteigt, ist das Portfolio besonders klimaschädlich.

 

 

 

Entgegen dem US-Trend zählen europäische Unternehmen mit mehr als 3-Grad-Celsius-Erwärmungspotenzial zu den Underperformern im bisherigen Jahresverlauf – minus 0,4 Prozentpunkte gegenüber dem MSCI Europe Index. Hier belasten die aufgrund des Ukrainekriegs stark gestiegenen Energiepreise die Aktienkurse vieler CO2-intensiver Unternehmen und der Anlegerdruck auf CO2-intensive Unternehmen ist in Europa hoch. Auch fällt die Performance der europäischen Öl- und Gas-Unternehmen im globalen Vergleich unterdurchschnittlich aus.

 Schlussbemerkung

Der bisherige Jahresverlauf der dargestellten Strategien verdeutlicht exemplarisch, wie entscheidend die kumulativ aufgetreten Belastungsfaktoren Ukrainekrieg, Inflation und Zinserhöhungen in diesem Jahr für die Wertentwicklung nachhaltiger Anlagekonzepte waren. Das zu Ende gehende Jahr 2022 dürfte daher als Ausnahmejahr für nachhaltige Anlagen in die Kapitalmarktgeschichte eingehen. Für die Zukunft könnten eine Entspannung im Ukrainekrieg, fallende Energiepreise und ein Ende des Zinserhöhungszyklus vielen ESG-Strategien zurück auf die Erfolgsspur verhelfen.

Über die Autoren:

Philipp Finter ist seit 2022 bei Metzler Asset Management für die nachhaltige Investmentstrategie und die Integration von ESG-Indikatoren im Portfoliomanagement zuständig. Zuvor war der promovierte Volkswirt bei HQ Asset Management als Portfoliomanager und Researcher für Aktien- und Multi-Asset-Strategien beschäftigt. Von 2011 bis 2018 war er bei Sal. Oppenheim jr. & Cie. in tätig, zuerst als Portfoliomanager für Multi-Asset-Strategien, ab 2013 leitete er die Abteilung Investmentstrategie Research.

Kilian Schäfer arbeitet seit 2018 bei Metzler im Applied Research und ist Mitglied des Teams Analytics. Er schloss sein Studium an der University of Edinburgh mit dem Master of Science in Financial Modelling and Optimization ab. Zuvor studierte er Mathematik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Sebastian Lechner arbeitet seit 2018 bei Metzler im Applied Research und ist Mitglied des Teams Analytics. Ende 2018 schloss er sein Studium der Wirtschaftsmathematik mit Schwerpunkt Financial Engineering am Karlsruher Institut für Technologie mit dem Master of Science ab.

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