Meinung Systemrisiko ohne Kontrolle: Mehr Regulierung von Kryptowährungen

Daniel Kerbach, Investmentchef der Bayerninvest

Daniel Kerbach, Investmentchef der Bayerninvest: Trotz interessanter Ansätze kommen Kryptowährungen als Investment der Asset Allocation nicht in Betracht – zu groß die Gefahren und Unsicherheit. Foto: Bayerninvest

Turbulente Talfahrt: Vom November-Hoch 2021 bis in den Januar 2022 hinein verlor der Bitcoin fast 50 Prozent an Wert. Diese Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie volatil Kryptowährungen als Anlage sind, wenn es an den Kapitalmärkten unruhig wird.  Der Abverkauf des „Titanium-Token“ taugt ebenfalls als Beleg, wie schnell sich Kryptovermögen in kürzester Zeit in Luft auflösen können. Dennoch gelten Investments in Krypto-Assets als der nächste Trend auf dem Weg in die dezentrale Finanzwirtschaft der Zukunft.

Sieht man sich das Wachstum der Kryptowährungen gegenüber anderen Währungen an, wird klar, warum Zentralbanken nicht mehr tatenlos zusehen können. Das gestiegene Handelsvolumen, das hohe Medieninteresse und der seit Jahren zunehmende bargeldlose Zahlungsverkehr lassen die nationalen Regulatoren auf den Plan treten, um aus einem dezentralen, unregulierten Konstrukt einen kontrollierten, regulierten Markt zu formen. Letztlich geht es dabei um den Schutz von Konsumenten, Unternehmen und Regierungsorganisationen.

Allein die Ankündigungen Chinas und der Vereinigten Staaten, Kryptowährungen stärker kontrollieren und regulieren zu wollen, hat zu deutlichen Kursschwankungen geführt, was wiederum die Sensibilität dieses Themas unterstreicht. In den USA haben Abgeordnete und Fachleute der US-Notenbank bemängelt, dass die Konsumenten nicht geschützt sind, sollte einer der Stablecoin-Anbieter nicht über ausreichend Sicherheiten verfügen, mit denen die Token angeblich unterlegt sind.

Ferner werden Befürchtungen laut, dass Milliarden Dollarbeträge bewegt werden, ohne das streng beaufsichtigte Bankensystem einzubinden und damit illegalen Transaktionen und Geldwäscherei Tür und Tor zu öffnen. Diese Entwicklung ist für Banken und Konsumenten gefährlich, da die Gelder nicht der Einlagensicherung unterliegen. Dabei gehen die einzelnen Länder höchst unterschiedliche Wege mit unterschiedlichen Interessen. El Salvador hatte mit einer Gesetzesinitiative für Aufsehen gesorgt, bei der Bitcoin als Zahlungsmittel zugelassen wurde.

Kryptowährungen: Mehr Regulierung?

Die EU-Kommission ist dabei, ein Regelwerk aufzusetzen, wie Kryptowährungen als zugelassenes Finanzinstrument eingesetzt werden können. Für viele EU-Abgeordnete sind die aktuellen Regeln nicht streng genug, weswegen die Forderungen laut wurden, die Vorlagen deutlich zu verschärfen. Dazu werden die bekannten Regelwerke wie Mifid ergänzt und neue Regeln speziell für Kryptowährungen aufgesetzt und weiterentwickelt, etwa mit der Richtlinie Markets in Crypto Assets Regulation, kurz Micar.

Die Bundesregierung beabsichtigt die Geldwäsche-Verdachtsfälle im Krypto-Universum mit einer adäquaten Regulierung ebenfalls einzudämmen. Das britische Finanzministerium verfolgt einen anderen Ansatz als die EU mit ihrem Marktregelwerk. Dem britischen Regulator ist daran gelegen, so viel Handelsvolumen wie möglich über den Finanzplatz London zu leiten. Entsprechend sind die Gesetzesinitiativen ausgerichtet.

In den USA nahmen die Aktivitäten zuletzt deutlich an Fahrt auf. Ziel ist es, die Transaktionen aller Kryptowährungen zu regeln, so wie es im traditionellen Zahlungsverkehr üblich ist, nur eben angepasst an die Besonderheiten der Kryptowelt. Besondere Schlagkraft haben die Steuerpläne der USA, Kryptozahlungen durch die amerikanische Steuerbehörde regulieren und überwachen zu lassen. US-Notenbankchef Jerome Powell ließ verlauten, es werde noch Jahre dauern, bis ein Krypto-Dollar eingeführt wird, weshalb man den Fokus jetzt auf eine angemessene Regulierung und Aufsicht richten müsse.

In Asien unterscheiden sich die Ansätze zwischen den Ländern derweil deutlich. Während China offen von Verboten der Verwendung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen als Zahlungsmittel spricht, wollen sich Singapur und Japan, ähnlich dem britischen Ansatz, als Handelsplatz für Kryptowährungen etablieren. China geht den genannten Weg, da man selbst bereits in der Startphase ist, um eine eigene Kryptowährung einzuführen.

Die Intention der chinesischen Regierung ist klar zu erkennen. China verzeichnet seit Jahren ein explosives Wachstum im inländischen bargeldlosen Zahlungsverkehr, welcher weitgehend unreguliert ist. Dem versucht die chinesische Zentralbank Einhalt zu gebieten, indem sie einen digitalen Yuan entwickelt und eingeführt hat. Der sogenannte e-Yuan wird den Bürgern in China schrittweise zugänglich gemacht und dabei von der Zentral Bank (People´s bank of China) reguliert. Die dafür verfügbare Wallet-App ist bisher in 10 Städten Chinas nutzbar. Der e-Yuan wird mittlerweile von 200 Millionen registrierten Nutzern verwendet.

Der Druck auf die Regierungen, hier aktiv zu werden, ist deutlich zu spüren, insbesondere, wenn man die Rolle der nationalen Zentralbanken als ultimative Gläubiger einer Volkswirtschaft sieht. Sollten sich Krypto-Assets in einer zukünftigen Krisensituation der Regulierung entziehen, wäre das ein nicht zu steuerndes systemisches Risiko, bei dem keine Instrumente zur Verfügung stehen.

Der Titanium-Token hat gezeigt, dass die Beständigkeit eines Algorithmus nicht immer gewährleistet werden kann. Wie sich herausstellte, war er falsch programmiert. Wir gehen davon aus, dass dieser Markt stärker reguliert werden wird, um zukünftig einer Art Einlagensicherung zu unterstehen. Dies bedingt, dass die Anbieter eventuell auch über eine Banklizenz verfügen müssten, was noch nicht abschließend geklärt ist. Zudem könnte es erforderlich werden, dass die Anbieter eine Erlaubnis seitens der Zentralbank benötigen, was durchaus absehbar ist.

Eine höhere Transparenz schafft Vertrauen, was dazu führen wird, dass auch mehr Konsumenten in einem regulierten Rahmen diese elektronischen Zahlungsmittel nutzen werden, welche vermutlich von den Zentralbanken ähnlich wie in China selbst emittiert und reguliert werden können. Die Technologie ist und bleibt interessant und wird ihren Beitrag zur Digitalisierung leisten. Als Investment für unsere Asset Allocation kommen Kryptowährungen jedoch nicht in Betracht, da die Gefahren, die Volatilität und der sehr energieintensive Data-Mining-Prozess aktuell gegen eine Aufnahme ins Portfolio sprechen.

 


Über den Autor:

Daniel Kerbach leitet als Investmentchef (CIO) das Investment- & Produktmanagement der Bayerninvest. Er weist mehr als 20 Jahre Erfahrung auf als Investmentchef bei Merck Finck Privatbankiers in München sowie als stellvertretender CIO und Leiter der Vermögensverwaltung bei Julius Bär in Zürich.