Milliarden-Fondsmanager im Gespräch „Cash is King gilt mehr denn je“

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Welche Sektoren sind von besonderem Interesse?

Leverenz: Wir glauben, dass der Mehrwert und die Differenzierung, die wir unseren Investoren bieten können, in der Fokussierung auf Unternehmen, nicht auf Länder oder Branchen bestehen. Unser Team sucht nach herausragenden Unternehmen, die sich durch strukturelle Wachstumstreiber, nachhaltige Wettbewerbsvorteile und eine gute Unternehmensführung auszeichnen und dank neuer Initiativen und Projekte den Charakter einer Realoption haben, also ähnlich einer Finanzoption ein riesiges Gewinnpotenzial haben, das längerfristig zum Tragen kommt. Das Team meidet ein zu starkes Engagement in zyklischen, standardisierten oder stark regulierten Sektoren.

Die Bewertungen vieler Tech-Firmen sind hoch. Soll man trotzdem jetzt noch kaufen?

Leverenz: Covid-19 hat zu einem sehr unsicheren Umfeld geführt, in dem die Anleger viel zu stark dazu neigen, aktuelle Trends in die Zukunft fortzuschreiben, und mit ziemlicher Sicherheit aktuell deutlich mehr für diese Unternehmen zahlen, als sie wert sind. Andere disruptive Branchen, in denen die Anleger zu sehr auf eine garantiert rosige Zukunft setzen, sind E-Autos, Onlinehandel und Lebensmittellieferdienste. Durch die jüngsten Entwicklungen haben sich die Aussichten in diesen Branchen vermutlich nochmals verbessert. Dadurch ist aber nicht gesagt, dass alle Anbieter Erfolg haben werden. Die Bewertungen sind hier inzwischen ungerechtfertigt hoch, sodass Investoren hier Geld verlieren könnten.

Strukturelle Veränderungen trennen Unternehmen in Gewinner und Verlierer. Mit welchen Veränderungen müssen wir für wichtige Industrien rechnen, beispielsweise in den Bereichen E-Commerce, Mobilität, Health Care?

Leverenz: Die Gewinner des Jahres 2020 waren die Unternehmen, die vom Fomo-Effekt profitiert haben, ähnlich wie am Immobilienmarkt, wo auch einige nur aus Angst, etwas zu verpassen, aktiv wurden. Langfristig betrachtet lassen sich nachhaltige Mehrerträge vor allem durch Anlagen in herausragende Unternehmen mit strukturellen Wachstumstreibern, nachhaltigen Wettbewerbsvorteilen und längerfristigem Gewinnpotenzial generieren.

Außerdem halten wir Ausschau nach relativ innovativen Unternehmen, die nicht nur im Technologiesektor, sondern auch in vielen anderen Branchen zu finden sind. Dabei legen wir den Fokus auf disruptive Marktbereiche, differenzierte Geschäftsmodelle oder alternative Produkt-/Serviceangebote sowie eine effiziente Nutzung der Bilanz.

Wie beurteilen Sie das Thema Wasserstoffmotoren?

Leverenz: Es gibt viele Trends, die durch Covid-19 verstärkt worden sind. Durch die weltweit größere Aufmerksamkeit für die Klimaproblematik und die Überkapazitäten bei den Energieunternehmen können sich neue Chancen für Investoren eröffnen.

Wie wichtig ist heute das sogenannte Intangible Capital, also immaterielles Kapital wie beispielsweise Technologie, Design oder Marken?

Leverenz: Im Rahmen unseres langfristigen, auf herausragende und innovative Unternehmen fokussierten Investmentansatzes ist immaterielles Kapital wie Technologie, Design oder Marken eines von vielen Merkmalen, an denen wir überzeugende Anlagemöglichkeiten festmachen.

Welche Zukunft prognostizieren Sie der Luxusgüterindustrie?

Leverenz: Die Luxusgüterindustrie wird einen enormen konjunkturellen Gegenwind zu spüren bekommen. Durch die Reisebeschränkungen und Vermögenseinbußen werden die Gewinne kurzfristig stark unter Druck stehen. Hinzu kommen bedeutende strukturelle Trends wie neue Konsum- und Kommunikationsformen, neue Kanäle und neue Technologien. Dadurch werden sich die Anbieter, die im Wettbewerb ohnehin schon die Nase vorn haben, noch weiter von den schwächeren, unterdimensionierten Marken absetzen.


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Mit welchen Folgen?

Leverenz: Unternehmen mit starken Bilanzen werden sich interessante Gelegenheiten für Zukäufe auf einem günstigen Niveau bieten. Ein gutes Beispiel dafür ist das Unternehmen Kering, dem es gelungen ist, ein dynamisches Portfolio so bekannter Marken wie Gucci, Saint Laurent, Balenciaga und Bottega Veneta nachhaltig wiederzubeleben. Gleichzeitig kann Kering sein Portfolio durch Zukäufe zu attraktiven Bewertungen ausbauen.

Invesco setzt neuerdings stark auf künstliche Intelligenz, um für Aktienfonds riesige Datenmengen zu analysieren und so bahnbrechende Entwicklungen früher als andere aufzuspüren. Zugleich will man so Unternehmen finden, die diese Trends vorantreiben oder überdurchschnittlich daran verdienen. Können Sie schon eine erste Bilanz wagen?

Leverenz: Die Ursprünge unseres Prozesses reichen bis ins Jahr 1996 zurück und wir verwenden keine künstliche Intelligenz, um riesige Datenmengen zu analysieren. Unser Researchprozess gründet auf einer umfassenden Sondierung möglicher Anlagechancen und einer fortschreitenden Vertiefung unseres Verständnisses der Unternehmen während der Haltedauer.

Dieser Prozess kann sich über mehrere Jahre fortsetzen und zu wiederholten Anpassungen unserer Positionen führen. Außerdem nutzen wir die Chance, bei der Bewertung bestehender Investments auch potenzielle neue Anlagemöglichkeiten in naheliegenden Bereichen oder ähnliche Investments in anderen Regionen zu sondieren.

Trotz der allgemein positiven Stimmung an den Börsen: Welche Risiken sollten Anleger 2021 auf dem Radar haben?

Leverenz: Wir glauben, dass sich die riesige Lücke, die sich im Jahresverlauf 2020 zwischen Growth- und Value-Werten aufgetan hat, wieder abrupt und wahrscheinlich schmerzhaft schließen wird. Das bedeutet aber nicht, dass es zu einem plötzlichen Comeback traditioneller Value-Aktien kommen wird. Unserer Ansicht nach werden Value-Anlagen auf Basis des klassischen Mean-Reversion-Ansatzes keinen Erfolg haben, da viele traditionelle Industriesektoren mit erheblichen strukturellen Herausforderungen zu kämpfen haben.

Daher wird auch eine Orientierung an historischen oder normierten Bewertungskennzahlen in Verbindung mit der Extrapolation bisheriger Trends möglicherweise nicht die gewünschten Ergebnisse liefern. Investoren könnten künftig von einem differenzierteren Value-Ansatz profitieren.


Das Interview erschien zuerst im „The Materialist“ und wurde dann dem private banking magazin zur Verfügung gestellt.


Über den Interviewten:
Justin Leverenz leitet das OFI Emerging Markets Equity-Team bei Invesco in New York, das mehr als 55 Milliarden US-Dollar Investitionsvolumen betreut. Er verantwortet die Schwellenländerfonds Invesco Developing Markets Equity Strategy (ISIN: LU2014290212) und Invesco Emerging Markets Innovators (LU2040201324). Zuvor wirkte Leverenz als Senior-Research-Analyst bei Oppenheimer Funds und war Direktor der pan-asiatischen Technologieforschung bei Goldman Sachs in Asien.