Trend-Umkehr Private Debt in Europa: 100.000 Unternehmen – 100.000 Renditechancen

Kirsten Dode von Muzinich & Co.

Kirsten Dode von Muzinich & Co.: „100.000 Unternehmen in Europa, bieten eine Vielzahl von Möglichkeiten für Investoren.“ Foto: Muzinich & Co.

Für das vierte Quartal des Jahres 2021 vermeldeten Banken laut der aktuellen Bank Lending Survey der Eurozone eine beträchtlich gestiegene Nachfrage von Unternehmen nach Krediten. Diese war auf einen im Vergleich zum Vorquartal erhöhten Finanzierungsbedarf der Unternehmen sowohl für Betriebskapital als auch für Anlageinvestitionen zurückzuführen. Für das erste Quartal 2022 erwarten die Banken einen weiteren Anstieg der Nettonachfrage nach Krediten von Unternehmen.

Gleichzeitig ist eine fortschreitende Disintermediation der Banken im Kreditgeschäft in Kombination mit strengeren regulatorischen Vorschriften zu beobachten. Diese Faktoren haben dazu geführt, dass private Kreditgeber zu einem festen Bestandteil der Kreditlandschaft geworden sind - ein Trend, der sich unserer Meinung nach mit der Einführung von Basel III fortsetzen wird. Das Rahmenwerk sieht etwa höhere Eigenkapitalanforderungen an Banken sowie einen Risikoaufschlag für Unternehmen ohne externes Bonitätsrating vor. In Deutschland betrifft das mehr als 90 Prozent der Unternehmen und mehr als 60 Prozent der Arbeitsplätze.

Für traditionelle Kreditgeber wie Banken wird es somit schwerer, langfristige Finanzierungen für Unternehmen ohne Investment Grade-Rating bereitzustellen – ein Segment, dem weitgehend auch der untere Mittelstand (Unternehmen mit einem EBITDA von 5 bis 25 Millionen Euro) angehört. Diese Unternehmen werden weiterhin Finanzmittel für ihr Wachstum, ihre Entwicklung und Expansion benötigen. Auch wenn mit dem Wachstum des Private Debt Segments die Zahl der Marktteilnehmer gestiegen ist, scheint der untere Mittelstand aus Sicht der Kreditvergabe unterversorgt zu sein.

Wir sind der Ansicht, dass dieser Bereich mit über 100.000 Unternehmen in Europa eine Vielzahl von Möglichkeiten für Investoren bietet, die in der Lage sind, eine Due-Diligence-Prüfung durchzuführen und mit diesen kleineren Unternehmen auf ihrem Wachstumspfad partnerschaftlich zusammenzuarbeiten. Private Debt-Anbieter mit lokaler Präsenz und Kreditanalysekompetenz sowie Kenntnissen über die Kultur und das Rechtssystem vor Ort sind der Schlüssel zu einer erfolgreichen Anlagestrategie. Insbesondere während einer unvorhergesehenen Krise wie einer weltweiten Pandemie kann es von unschätzbarem Wert sein, in den Ländern, in denen investiert wird, lokale Teams vor Ort zu haben, um Beziehungen zu Kreditnehmern zu pflegen und neue Geschäfte vorzubereiten.

Das Besondere an Private Debt ist, dass man oftmals als einziger Kreditgeber gestaltend mit am Tisch sitzt.

Doch welche Vorteile kann Private Debt Investoren eröffnen? Zum einen soll Private Debt Schutz vor der zunehmenden Volatilität der öffentlichen Märkte bieten. Ebenso zielt die Anlageklasse darauf ab, höhere Wertentwicklungen zu erreichen als dies auf den öffentlichen Anleihemärkten möglich ist. Indem Private Debt fast ausschließlich in variabel verzinsliche Instrumente investiert, kann dies bei der Aussicht auf höhere Inflation und steigenden Zinsen schützen. Das Besondere am Private Debt Bereich ist zudem, dass man als oftmals einziger Kreditgeber auch gestaltend mit am Tisch sitzt.

Welche Entwicklungen lassen sich am Markt für private Kredite beobachten? Die Pandemie hatte sich auch auf diesen Markt – wie auf alle Anlageklassen - ausgewirkt. Wie Abbildung 1 zeigt, hat sich dieser Trend jedoch umgekehrt. 2021 war ein Aufschwung bei der Kreditvergabe zu verzeichnen, da sich die Unternehmen von den wirtschaftlichen Implikationen der gesellschaftlichen Lockdowns zu erholen begannen. Im dritten Quartal 2021 wurde eine Rekordzahl von Transaktionen verzeichnet, und die Gesamtzahl der Transaktionen für das vergangene Jahr bis Ende Oktober hat bereits das Niveau von 2019 übertroffen.  Daher wird sich die Anlageklasse unserer Meinung nach wahrscheinlich weiterhin stark von den Auswirkungen der Pandemie erholen.

Abbildung 1: Zunehmende Kireditvergave nach Covid 19.

Der Markt für alternative Kredite hat sich in der Tat angepasst. Wir haben eine Verlagerung der Kreditgeber hin zu Sektoren mit höherer Covid-19-Resistenz wie Gesundheitswesen, Technologie und Pharmazeutik beobachtet. Dies hat sich in unserer eigenen Transaktionstätigkeit widergespiegelt, die in Einklang mit unserem Schwerpunkt auf Kapitalerhalt steht. Wir haben jedoch auch nach interessanten Opportunitäten in relativen Nischensektoren gesucht, wie beispielsweise bei Anbietern von Tiernahrung, die unserer Meinung nach gute Fundamentaldaten und einen sehr stetigen Wachstumstrend aufweisen.


Der Markt für alternative Kredite konnte seinen Anteil ebenfalls erhöhen, da die Kreditvergabefähigkeit der Banken unter anderem dadurch beeinträchtigt wurde, dass sie sich während der Pandemie auf die Abwicklung staatlicher Liquiditätsprogramme konzentrierten.

Anteil der europäischen Direktkredite an Fremdkapitalfonds (Senior/Unitranche vs. Banken)


Darüber hinaus war die Zahl der gesponserten Unitranche-Transaktionen im zweiten Quartal 2021 mit 95 Abschlüssen weiterhin hoch (siehe Abbildung 3). Dies bedeutet einen Anstieg um 121 Prozent gegenüber dem zweiten Quartal 2020 – dem ersten Quartal, das von Covid-19 betroffen war und deshalb nur 43 Transaktionen vorzuweisen hat.

Der Trend zu fremdfinanzierten Add-on-Käufen setzte sich auch im zweiten Quartal fort. Dies ist auf Sponsoren, die durch Buy-and-Build-Transaktionen zusätzlichen Wert schaffen wollen, sowie auf das starke Interesse von Debt-Fonds an solchen Konzepten zurückzuführen. Banken haben dagegen aufgrund von aufsichtsrechtlichen Beschränkungen nur begrenzte Kapazitäten für Bolt-on-Käufe. All diese Daten können dazu beitragen, die Bedenken der Investoren in Bezug auf die Kapitaleinsatzfähigkeit privater Kreditgeber zu zerstreuen.

Abbildung 3: Gesponserte Unitranche erreicht neue Höchststände

Angesichts des sich verbessernden wirtschaftlichen Umfelds und der geringeren Risiken im Zusammenhang mit der Omikron-Variante von Covid-19 wird sich dieser Trend bei den Geschäftsabschlüssen unserer Ansicht nach in Zukunft fortsetzen. In unseren eigenen Portfolios werden wir uns weiterhin auf Unternehmen in Teilbereichen konzentrieren, welche die gravierendsten Auswirkungen der Pandemie vermeiden konnten, oder solche, die zwar gelitten haben, aber unserer Meinung nach über starke Fundamentaldaten verfügen.

Über die Autorin:
Kirsten Bode, Co-Head der pan-europäischen Private Debt Strategie von Muzinich & Co. Vor diese Zeit hatte sie verantwortungsvolle Positionen inne, unter anderem bei der Macquarie Bank, Park Street Partners und Morgan Stanley.