„Schnellster Zinserhöhungszyklus seit Ende der 80er Jahre“ Finanzprofis erwarten nach Fed-Entscheid weitere Zinserhöhungen

US-Notenbank-Chef Jerome Powell bei der Pressekonferenz am Mittwoch im Washington

US-Notenbank-Chef Jerome Powell bei der Pressekonferenz am Mittwoch im Washington: Der Leitzins der Federal Reserve steigt erneut um 75 Basispunkte. Foto: Imago Images / Kyodo News

Die US-Notenbank Federal Reserve hat den Leitzins am Mittwoch – wie erwartet – zum dritten Mal in Folge um 0,75 Prozentpunkte angehoben. Die Federal Funds Rate liegt damit nun in einer Spanne von 3 bis 3,25 Prozent. Notenbank-Chef Jerome Powell reagiert damit auf die anhaltend hohe Inflation in den USA. Ökonomen und Finanzprofis hatten sogar eine Zinserhöhung um 100 Basispunkte für möglich gehalten.

Mit dem „schnellsten Zinserhöhungszyklus seit Ende der 80er Jahre“ sei die Politik der Fed nicht länger als neutral, sondern als konjunkturdämpfend anzusehen, ordnet Michael Heise, Chefökonom von HQ Trust, die jüngste Entscheidung der US-Notenbank ein. Angesichts der schwachen Konjunktur und rückläufiger Inflationserwartungen für 2023 sei es richtig, dass die Fed das Tempo des Zinsanstiegs nicht durch einen größeren Schritt um einen Prozentpunkt verschärft hat, so Heise.

Fed nimmt milde Rezession in Kauf

„Die abgesenkten Wachstumserwartungen der Notenbank und die gleichzeitig höheren Zinserwartungen zeigen, dass die Notenbank auch eine milde Rezession und einen gewissen Anstieg der Arbeitslosigkeit in Kauf nehmen wird, um die hohe Inflation einzudämmen.“ Das sei im Vergleich zu einer Verfestigung der Inflation das kleinere Übel. Der Höhepunkt der Inflationsraten in den USA dürfte überwunden sein, schätzt der Ökonom. Die Notenbankpolitik werde Wirkung zeigen und eine deutliche Senkung der Inflationsraten im kommenden Jahr bewirken. Die Finanzmärkte müssten sich aber auf weiter steigende Notenbankzinsen einstellen, meint Heise. Eine Fed Funds von 5 Prozent dürfte im Frühsommer 2023 erreicht sein.

 

 

 


Auch Birgit Henseler, Anleihen-Analystin der DZ Bank rechnet mit einem weiteren Anstieg der Zinsen: Powell habe bekräftigt, dass weitere Erhöhungen in den kommenden Monaten angemessen seien. „Damit steht auch im November – also rund eine Woche vor den US-Zwischenwahlen – erneut eine Jumbo-Zinserhöhung von einem Dreiviertelprozentpunkt auf der Agenda“, so Henseler. Der Euro sei nach der Entscheidung am Mittwoch zunächst gefallen, dem Dollar verleiht die US-Geldpolitik weiter Auftrieb. „An den Finanzmärkten dürfte es aber vor allem wegen der globalen Zinswende vorerst holprig bleiben“, so die Analystin.

Niedrigere Zinsen erst im Jahr 2024

„Die jüngsten Einschätzungen der Zentralbanker deuten darauf hin, dass man bereit ist, die Zinssätze noch in diesem Jahr auf 4,4 Prozent anzuheben und auch durch 2023 hinweg sogar etwas über diesem Niveau zu belassen“, sagt auch Christian Scherrmann, US-Volkswirt bei der DWS. Mit etwas niedrigeren Zinsen rechnet er erst im Jahr 2024. Die Inflation zeige sich zäh, Preisstabilität in Form des Inflationsziels von zwei Prozent werde erst für 2025 erwartet.

Das dürfte das Wirtschaftswachstum drosseln. Powell habe jedoch bestätigt, dass die Zahl der offenen Stellen auf dem US-Arbeitsmarkt immer noch höher sei als das Angebot an Arbeitskräften. Eine gewisse Abschwächung werde aber in Kauf genommen. „Insgesamt zeigt die US-Notenbank einmal mehr, dass sie bereit ist, dass Notwendige zu tun: die Nachfrage zu bremsen, indem die Zinsen länger höher bleiben – selbst, wenn dies Wachstum und Arbeitsplätze kostet“, so Scherrmann.

Michael Metcalfe, Leiter Makroökonomie bei State Street Global Markets in London, meint: „Es spricht Bände, wie stark die Erwartungen an den Zinsschritt der Fed gestiegen sind, dass eine Zinserhöhung um 75 Basispunkte inzwischen Konsens ist.“ Die Notenbank gehe inzwischen von einem Höchststand der Zinsen von etwa 4 Prozent aus und einer anhaltend restriktiven Geldpolitik bis 2025. Sollte die Inflation, wie erwartet, leicht zurückgehen, dürften im November und Dezember kleinere Zinserhöhungen anstehen, so Metcalfe.