Bizarres von der Rohstoffbörse Nymex Der US-Ölpreis stürzt ab

Thorsten Polleit ist Chefökonom von Degussa Goldhandel. | © Degussa Goldhandel

Thorsten Polleit ist Chefökonom von Degussa Goldhandel. Foto: Degussa Goldhandel

Die Ölförderausweitung in Russland und Saudi Arabien hatte bereits zu Beginn des Jahres den Rohölpreis unter starken Abwärtsdruck gesetzt. Vor allem aber die Folgen des weltweiten Lockdown – der politisch verordnete Wirtschaftsstillstand – treffen nun den Markt für Rohöl ganz besonders hart.

Die Förderkürzung, die die OPEC+ Anfang April ausgehandelt hat (und zwar um 9,7 Millionen Fass pro Tag), reicht nicht aus, um das Überangebot im weltweiten Rohölmarkt abzubauen. Denn die Rohölnachfrage ist geradezu kollabiert. Der Grund: Der Autoverkehr ist stark verringert, Kreuzfahrtschiffe liegen im Hafen, Flugzeuge fliegen nicht, Firmen haben die Produktion eingestellt.

Für den Monat April 2020 schätzt die IEA den Rohölnachfragerückgang auf 29 Millionen Fass pro Tag gegenüber dem Vorjahresmonat – was einem Rückfall auf das Nachfrageniveau des Jahres 1995 entspricht. Ende Januar 2020 kostete die Sorte Brent (Spot-Preis) noch knapp 58 US-Dollar pro Fass, am 20. April 2020 lag ihr Preis bei nur noch 21,74 US-Dollar pro Fass – ein Preisrutsch von etwa 63 Prozent.

Absturz des Mai-Futures für WTI

Für besonderes Aufsehen sorgte, dass am 20. April 2020 der Preis für West Texas Intermediate (WTI) – die Benchmark für US-Rohöl – negativ wurde: Er fiel auf sage und schreibe minus 37,63 US-Dollar pro Fass.

Der Grund: Der Mai-Futurekontrakt für WTI wird morgen, am 21. April 2020, fällig. Händler haben Kontrakte verkauft, um die physischen Lieferung zu vermeiden: weil befürchtet wurde, dass Käufer für das Rohöl ausbleiben und daher Kosten für die Lagerung (und hier gibt es bereits Engpässe) entstehen. Daher erschien es Future-Long-Händlern wirtschaftlich(er), die Abnehmer des Rohöls zu bezahlen.

Der Preis des Juni-Futurekontrakts für WTI fiel zwar ebenfalls im Tageshandel stark, blieb aber oberhalb von 20 US-Dollar pro Fass – ein Indiz, dass die Märkte zumindest derzeit den Preisverfall als eine vorübergehende Erscheinung einstufen. Allerdings ist der Terminmarkt, das sollte hier erwähnt werden, nur zu häufig kein verlässlicher Zukunftsschätzer.

Unterschied der Ölsorten WTI und Brent

An dieser Stelle ist übrigens zwischen „waterborne“ und „landlocked“ Rohölsorten zu unterscheiden. Erstere werden nahe Wasserwegen gefördert und abgesetzt wie das Nordseeöl Brent, zweitere haben längere Lieferwege zu Wasserwegen wie WTI. Für landlocked-Rohöl aus den USA, Kanada und Russland werden mittlerweile die Speicherkapazitäten knapp, während waterborne-Rohöl immer noch auf Tanker verbracht und gelagert werden kann. Das hat dazu geführt, dass jüngst der Preis für WTI deutlich stärker gefallen ist als der Preis für Brent.

Neben diesen eher technischen Erklärungen des Rohölpreisverfalls drängt sich die Frage auf: Signalisiert der Rohölpreisverfall nicht doch vielleicht ein düsteres Szenario für die Weltwirtschaft, ein Rezessions-Depressions-Szenario?

Das könnte man vielleicht auch im Preisverhältnis zwischen Gold und Rohöl ablesen wollen (siehe nachstehende Abbildung): Spätestens seit Anfang 2019 entwickeln sich Gold- und Ölpreis auffällig stark auseinander – und haben damit mit einem Jahrzehnte währenden Trend gebrochen.

Der steigende Goldpreis und der fallende Ölpreis als Indikatoren für eine herannahende Weltwirtschaftskrise? Vermutlich ist die Sache nicht ganz so einfach.

Es steht außer Frage, dass es weltweit zu einer wirtschaftlichen Katastrophe kommen kann, wenn die Volkswirtschaften dem Lockdown nicht rechtzeitig entkommen; je länger er andauert, desto größer wird die Gefahr. Wenn die Volkswirtschaften sich aber zügig aus dem Lockdown herausarbeiten sollten – und dafür steigt der politischen Druck –, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit zu, dass sich die kritische Lage in einer Weise entspannt, die aus aktueller Sicht vermutlich nicht für möglich gehalten wird.

Vor allem auch weil die Zentralbanken die Finanzmärkte mit neuem Geld überfluten und die Marktzinsen auf extrem niedrige Niveau drücken und dort halten werden, kann daraus ein neuerlicher, liquiditätsgetriebener Aufschwung erwachsen.

Das soll sagen: Die Unsicherheit ist und bleibt groß.


Über den Autor:
Thorsten Polleit ist Chefökonom der Degussa Goldhandel sowie Präsident der deutschen Abteilung des libertären Ludwig von Mises Institute. Von 1997 bis 2000 arbeitete er für ABN Amro, danach für Barclays Capital.