Geldbericht der US-Notenbank Fed warnt vor bedrohlichen Szenarien

Hauptsitz der US-Notenbank Federal Reserve in Washington D.C.: Das Coronavirus könnte gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben, ist die Fed überzeugt.  | © imago images / UPI Photo

Hauptsitz der US-Notenbank Federal Reserve in Washington D.C.: Das Coronavirus könnte gravierende Folgen für die Weltwirtschaft haben, ist die Fed überzeugt. Foto: imago images / UPI Photo

Vor einer Woche schrieb ich an dieser Stelle, dass ich mir den neuen Bericht der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zur Geldpolitik genau ansehen würde, da er Einblicke in die aktuellen Überlegungen der Fed gibt. Nun hat die US-Notenbank ihn veröffentlicht. Vor allem die Erkenntnisse zu drei Themen stechen darin hervor: die Lage im verarbeitenden Gewerbe in den USA, die Rolle geldpolitischer Regeln in unsicheren Zeiten und die Coronavirus-Epidemie.

Erkenntnis Nr. 1: Der Einbruch 2019 im verarbeitenden Gewerbe war begrenzt

Aufgrund des letztjährigen Produktionsrückgangs in der US-Industrie und Sorgen über ein mögliches Übergreifen dieses Abschwungs auf den Rest der Wirtschaft beschäftigt sich die US-Notenbank Federal Reserve in ihrem aktuellen Bericht mit dem Thema Industrie und Konjunkturzyklen.

Die Schwäche im verarbeitenden Gewerbe im Jahr 2019 führt die Fed auf eine Reihe unterschiedlicher Faktoren zurück, darunter auch die Handelskonflikte. Die US-Notenbank kommt zu dem Schluss, dass der Abschwung in der Industrie relativ moderat war und deutlich ausgeprägter sein müsste, um auf andere Teile der Wirtschaft überzugreifen. Außerdem ist es in vergangenen Expansionsphasen wiederholt zu moderaten Abschwüngen in der Industrie gekommen.

Die Fed lässt in ihrer Analyse einen wichtigen Faktor unberücksichtigt: die bedeutende Rolle, die US-Zentralbank und andere Notenbanken im vergangenen Jahr spielten, als es darum ging, die negativen Folgen der Handelskonflikte auf die Industrie und damit die Gesamtwirtschaft abzumildern. Dass der Abschwung im verarbeitenden Gewerbe nicht stärker ausgefallen ist, haben wir politischen Interventionen zu verdanken – für mich ist das die wichtigste Erkenntnis.

Erkenntnis Nr. 2: Regeln sind dazu da, gebrochen zu werden

Ein weiteres Sonderthema im Bericht zur Geldpolitik ist die Rolle geldpolitischer Regeln in unsicheren Zeiten. Die Fed gibt einen kurzen Überblick über diese Regeln – zum Beispiel die Taylor-Regel, wonach die Fed die Zinsen anheben sollte, wenn die Inflation und die Beschäftigung hoch sind, und die Zinsen senken sollte, wenn Inflation und Beschäftigung niedrig sind.

Die Fed betont, dass die aus diesen Regeln abgeleiteten geldpolitischen Schritte von Faktoren wie dem längerfristigen neutralen realen Zinssatz abhängen. Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Abschnitt des Fed-Berichts ist, dass sich die Fed nicht auf eine regelbasierte Geldpolitik verlassen will, solange es Unsicherheiten bezüglich wesentlicher Annahmen gibt, die Auswirkungen auf diese Regeln haben. Diese Aussage untermauert das, was die US-Notenbank im vergangenen Jahr mit ihren drei als „Versicherung“ gedachten Zinssenkungen gemacht hat, die nach strikter Auslegung dieser Regeln nicht erforderlich gewesen wären.

Der Bericht zur Geldpolitik erinnert uns auch daran, dass die Fed derzeit eine strategische Überprüfung ihrer geldpolitischen Instrumente und Kommunikationsmethoden durchführt, wobei sie ihr duales Mandat – Preisstabilität bei einer möglichst hohen Beschäftigung – im Blick hat. So heißt es im Bericht: „Gegenstand der Überprüfung sind die Fragen, mit welcher geldpolitischen Strategie die Fed ihr duales Mandat künftig am besten erfüllen kann, ob die bestehenden geldpolitischen Instrumente ausreichend sind, um das duale Mandat dauerhaft zu erfüllen, und wie die Fed ihre Geldpolitik besser kommunizieren und erklären kann.“

Interessanterweise hat die Europäische Zentralbank (EZB) für dieses Jahr ebenfalls eine strategische Überprüfung ihres geldpolitischen Instrumentariums angesetzt. Ich bin sehr gespannt, zu welchen Schlüssen beide Notenbanken kommen werden – und vermute, dass dies zumindest die EZB zu experimentelleren geldpolitischen Instrumenten führen könnte.