Das „S“ in ESG Soziale Aspekte treten aus dem Schatten

Auszubildende mit Chef

Auszubildende mit Chef: Die Corona-Krise hat gezeigt, dass Investoren in der Vergangenheit soziale Aspekte oft zu wenig beachtet haben. Foto: imago images / agefotostock

Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig es für Unternehmen ist, nicht nur die Bedürfnisse von Investoren im Blick zu haben – sondern insbesondere auch die ihrer Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten. Soziale Faktoren entlang der gesamten Wertschöpfungskette wie faire Löhne sowie die Gesundheit und die Sicherheit der Belegschaft sind im Zuge der Corona-Krise verstärkt in den Fokus gerückt.

Während der Pandemie haben Abstandsregeln sowie Quarantäne-Maßnahmen viele Arbeitnehmer belastet. Doch sie hat zugleich viele Unternehmen dazu veranlasst, die Gesundheit, das Wohlbefinden sowie den Wunsch nach größerer Flexibilität ihrer Mitarbeiter stärker zu berücksichtigen. Unternehmen, die bereits vor der Krise wegweisende Konzepte für die Mitarbeiter entwickelt hatten, konnten sich besser an die veränderte Lage anpassen als andere. Folglich konnten diese Firmen relativ reibungslos ihre Geschäftsprozesse fortführen, die Moral der Belegschaft erhalten und die Loyalität ihrer Mitarbeiter gewährleisten.

Es braucht ein Umdenken in der Wirtschaft

Seit 2005 berücksichtigt der Vermögensverwalter Candriam soziale Aspekte in den firmeneigenen ESG-Richtlinien. Allerdings kann eine solche Analyse nur so ausführlich sein wie die verfügbaren Informationen. Candriam bezieht sich daher nicht nur auf offizielle Verlautbarungen der Unternehmen, sondern sucht den direkten Kontakt. Im persönlichen Gespräch sind Verantwortliche zuweilen eher bereit, über spezifische Themen zu reden, die nicht in den Jahresberichten veröffentlicht werden.

Obwohl immer mehr Vermögensverwalter dem Personal- und Lieferkettenmanagement mehr Beachtung schenken, ist das Thema oft für die Öffentlichkeit intransparent. Es braucht daher ein Umdenken in der Wirtschaft, fordert auch die britische Organisation ShareAction. Sie hat 2017 die Workforce Disclosure Initiative (WDI) gestartet, um den Umfang und die Qualität der Daten zu Führungsstrukturen, Belegschaft, Risikomanagement, Gesundheit und Sicherheit zu verbessern. Die Initiative hat bereits die Unterstützung von mehr als 40 Investoren mit einem verwalteten Vermögen von vier Billionen US-Dollar, darunter Candriam.

Die Vereinten Nationen wurden ebenfalls aktiv und haben 17 globale Ziele für die nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030 verfasst, die sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs). Der soziale Aspekt spiegelt sich insbesondere in den Zielen der Gleichstellung von Frauen und Männern, weniger Ungleichheit sowie menschenwürdiger Arbeit und Wirtschaftswachstum wider.

Standards zur Bewertung sozialer Aspekte

Viele Unternehmen stellen inzwischen ihre Umweltdaten bereit. Kennzahlen, beispielsweise zum Klimarisiko sind daher leicht verfügbar. Die Offenlegung und Einordnung von Informationen zu Arbeitskräften und Lieferketten hingegen ist weitaus komplexer – und längst überfällig.

Mit einem detaillierten Fragebogen will die Workforce Disclosure Initiative entsprechende Daten einholen. Doch die Bereitschaft der Unternehmen ist noch ausbaufähig. Während bei grundlegenden Fragen die Antwortquote hoch ist, sinkt die Auskunftsfreude bei Themen wie Arbeitnehmerrechte, Fluktuation und Struktur der Lieferkette.

Es müssen sich möglichst viele Unternehmen beteiligen, um Investoren eine Orientierungshilfe zu bieten. Erst wenn soziale Aspekte bewertet werden können, ist es Anlegern möglich, anhand von ESG-Richtlinien nicht nur Umweltfaktoren zu berücksichtigen – sondern auch die soziale Komponente in ihre Investitionsentscheidungen einzubeziehen.