Erkenntnisse für Führungskräfte So begegnen private Unternehmer dem globalen Handelskonflikt

Martin Blessing ist Co-Präsident Global Wealth Management der Schweizer Bank UBS. | © Commerzbank

Martin Blessing ist Co-Präsident Global Wealth Management der Schweizer Bank UBS. Foto: Commerzbank

Die Handelskonflikte, allen voran zwischen den USA und China, eskalieren und setzen Märkte und auch Anleger zunehmend unter Druck. Die Handelshemmnisse beeinträchtigen sowohl das globale Wirtschaftswachstum als auch das Vertrauen in die Finanzmärkte – und das in der Spätphase des Konjunkturzyklus. Weltweit mehren sich die Warnzeichen. Ein Beispiel: Die Wirtschaft in Singapur – ein Prüfstein für die Stabilität grenzüberschreitender Geschäftsabläufe – wuchs im zweiten Quartal 2019 nach Schätzungen des Singapurer Ministeriums für Handel und Industrie nur noch um 0,1 Prozent. Das ist das schlechteste Ergebnis seit 2009.

Private Unternehmer können in einer solchen Situation nicht an der Seitenlinie verharren, bis die Spannungen im Handel nachlassen. Das sehen auch die Mitglieder des UBS Industry Leader Network, eines Netzwerks für Unternehmer und Führungskräfte. In der Diskussion haben sich Möglichkeiten herauskristallisiert, wie Unternehmen den Konflikten entgegentreten können. Sie lassen sich zu drei Thesen verdichten.

1. Erkenntnis

Während sich die Staaten weiter voneinander entfernen, arbeiten Unternehmer enger zusammen

Um trotz Handelsstreitigkeiten weiter gewinnbringend agieren zu können, müssen Unternehmer flexibler agieren und auch über Lieferketten hinweg enger zusammenarbeiten. Viele kleine und mittlere Unternehmen denken bereits über die kurzfristig geltenden Zölle hinaus und verfolgen einen langfristigen, kooperativen Ansatz. So sprechen sich viele Unternehmer bei der Frage, wie produzierende Unternehmen auf die höheren Stahlzölle reagieren können, für eine enge Kooperation und Verteilung der höheren Kosten aus. Aber auch entlang der eigenen Wertschöpfungskette können die Preise weiter optimiert werden, indem die Endkosten für einige Kunden erhöht und nach Möglichkeit mit Lieferanten und globalen Käufern neu verhandelt werden.

2. Erkenntnis

Unternehmer neigen dazu, sich mehr auf langfristige Trends, statt auf Zölle zu konzentrieren.

Obwohl Zölle eine Menge Schlagzeilen machen, haben andere Faktoren mittlerweile für Unternehmer oft eine größere Bedeutung, wenn es um die Entscheidung geht, wo sie produzieren, handeln und expandieren wollen. So haben beispielsweise Mitglieder des UBS-Netzwerks die Vor- und Nachteile arbeitsintensiver Produktion in China Monate vor Bekanntgabe der zusätzlichen Zölle erneut geprüft. Einige Unternehmen entschieden sich für die Verlagerung der Produktion an Standorte wie Vietnam, Indonesien und Indien, wo die Kosten niedriger sind. Andere produzierten aber weiterhin in China, weil die Vorteile einer hochwertigen lokalen Infrastruktur und qualifizierter Arbeitskräfte die Kosten für die Zahlung höherer Löhne überwiegen.

Zu den nicht-tarifären Faktoren zählt auch ein Trend, den wir bei UBS schon länger beobachten: eine breite Bewegung hin zu stärker vereinheitlichten Standards für Umwelt- und Sozialschutz sowie für die Unternehmensführung. Viele Unternehmer haben bereits heute die Chance erkannt, sozialbewusste Verbraucher durch proaktives nachhaltiges Handeln für sich zu gewinnen. Indem sie strengere Vorschriften vorwegnehmen – anstatt immer hinterherzuhinken – genießen diese Unternehmer einen First-Mover-Vorteil gegenüber größeren, weniger agilen Wettbewerbern.

3. Erkenntnis

Die Produktion rückt wieder näher zum Kunden

Die Bewegung geht weg von einem multinationalen hin zu einem multilokalen Geschäftsmodell. Das bedeutet die Produktion von Waren und Dienstleistungen erfolgt in Kundennähe, wo immer dies möglich ist. Politiker argumentieren immer wieder damit, dass sie diesen Nearshoring-Trend bestärken wollen, indem sie Zölle erheben. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum sich diese Entwicklung durchsetzt. Drei Faktoren, die eine Annäherung an die Endkundenmärkte begünstigen, werden immer wieder genannt:

  1. Erstens machen Kommerzialisierung und neue Technologien die lokale Bereitstellung von Dienstleistungen skalierbarer und profitabler. Beispiel dafür ist die Verlagerung vom Rechenzentrum zum Cloud Computing.
  1. Zweitens verringert die sinkende Mobilität hochqualifizierter Arbeitskräfte, aufgrund von Visabeschränkungen, steigenden Löhnen an kostengünstigeren Standorten für IT-Spezialisten oder höheren Verwaltungsanforderungen beim mobilen Arbeiten, die Attraktivität der Offshore-Dienstleistung.
  1. Schließlich verlangen die Verbraucher zunehmend maßgeschneiderte Produkte, die just-in-time geliefert werden, und weniger billig verfügbare Waren aus kostengünstigen Offshore-Produktionszentren.

Diese drei Thesen sind das Konzentrat einer langen Diskussion mit Unternehmern und Wirtschaftslenkern, die von den gegenwärtigen Entwicklungen unmittelbar betroffen sind. Ich bin davon überzeugt, dass Anleger in diesen unruhigen Zeiten den Erkenntnissen dieser Unternehmer mehr Gehör schenken sollten: Arbeiten Sie stärker zusammen, denken Sie langfristig und verorten Sie sich näher am Kunden.

 

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Martin Blessing ist Co-Präsident Global Wealth Management der Schweizer Bank UBS.