Michael Hasenstab zu EU und Schwellenländern Europa ist zunehmend gefährdet

Mit Renovierungsarbeiten allein ist es nicht getan: Es erscheint immer weniger wahrscheinlich, dass die EU Italien mit vereinten Kräften rettet.  | © Getty Images

Mit Renovierungsarbeiten allein ist es nicht getan: Es erscheint immer weniger wahrscheinlich, dass die EU Italien mit vereinten Kräften rettet. Foto: Getty Images

Michael Hasenstab von Templeton Global Macro

Europa ist gegenüber zunehmendem Populismus und strukturellen Risiken weiterhin anfällig. Ein weiteres Risiko, das Anleger womöglich übersehen, betrifft die zunehmenden politischen und strukturellen Risiken in Europa. Noch vor fünf Jahren konzentrierten sich europäische Wähler vor allem auf traditionelle Themen wie die Wirtschaft, Haushaltsausgaben und die Arbeitslosigkeit. Heute deuten Umfragen der Europäischen Kommission darauf hin, dass sich Wähler sehr viel größere Sorgen um Themen wie Immigration und Terrorismus machen.

Diese Schwerpunktverschiebung spiegelt sich auch in der politischen Landschaft wider. Die Unterstützung für rechtsextreme nationalistische Parteien hat in mehreren Ländern der Eurozone stark zugenommen, insbesondere in Frankreich, Deutschland, Italien und Österreich. Außerhalb des Euroraums sind Länder wie Ungarn, Polen und die Tschechische Republik noch weiter in Richtung Protektionismus und rechtsextremer Nationalismus abgeglitten. Sie errichten Barrieren und orientieren sich in ihrer Regierungsführung eher am russischen Vorbild als am Ansatz der Europäischen Union (EU). Mit Blick auf die europäische Integration aus unserer Sicht ein besorgniserregender Trend: Regierungen, die stärker als bislang auf die Innenpolitik bedacht sind, dürfte eine enge zwischenstaatliche Zusammenarbeit in Krisenzeiten schwer fallen.

Kann und will die EU Italien retten?

Derzeit lassen sich die politischen und strukturellen Risiken in Europa vor allem in Italien beobachten, wo die sehr gegensätzlichen politischen Parteien, die die Regierungskoalition bilden, in Bereichen wie Euroskeptizismus, Protektionismus und Erhöhung der Haushaltsausgaben eine gemeinsame Basis gefunden haben. Die größte Sorge für Europa betrifft das Risiko, dass sich italienische Schuldtitel unserer Analyse zufolge bei einer Rendite von rund 3,6 Prozent auf zehnjährige Papiere als nicht länger haltbar erweisen dürften. Auch wenn keine Krise unmittelbar bevorsteht, erscheint es sehr viel weniger wahrscheinlich, dass die EU Italien mit vereinten Kräften rettet, so wie es 2011 im Zuge der Griechenlandkrise der Fall war. 2011 reichte der politische Zusammenhalt gerade noch aus, um die Europäische Union vor einem Auseinanderbrechen zu bewahren. Waren damals die Staats- und Regierungschefs vor allem auf das gesamteuropäische Gemeinwohl bedacht, teilen heute hingegen sehr viel weniger Regierungschefs diese Denkweise. Alles in allem ist es unserer Einschätzung nach durchaus möglich, dass viele Anleger das volle Ausmaß der potenziellen Risiken in Europa unterschätzen. Wir gehen folglich aus, dass der Euro im kommenden Jahr auch weiterhin gegenüber ungeklärten strukturellen und politischen Risiken anfällig sein wird.

Einzelne Schwellenländer sind gut positioniert

Die Lokalwährungsmärkte der Schwellenländer weisen unter den globalen Rentenmärkten unserer Einschätzung nach die höchste Unterbewertung auf. Es muss jedoch unbedingt beachtet werden, dass die Anlageklasse alles andere als homogen ist. Eine Reihe von Ländern hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte gut entwickelt. Sie haben ihre Wirtschaft diversifiziert, ihre Märkte für auf lokale Währungen lautende Schuldtitel erheblich ausgeweitet, ihre Anlegerbasis im Inland aufgebaut und ihre Widerstandskraft gegenüber externen Schocks erhöht.

Andere Schwellenländer wiederum weisen nach wie vor dauerhafte strukturelle Ungleichgewichte, unzuverlässige Institutionen und eine anfällige Wirtschaft auf. Es ist von entscheidender Bedeutung, diese Unterschiede genau herauszuarbeiten. 2019 wird es aus unserer Sicht zunehmend wichtig sein, aus den Schwellenmärkten diejenigen Länder herauszufiltern, die unabhängig von Marktrisiken, etwa steigenden Zinsen in den USA, Wertpotenzial bieten.

So dürften Länder mit niedrigen Zinsen, starken strukturellen Ungleichgewichten und wirtschaftlichen Schwächen gegenüber externen Zinsschocks anfällig sein. Dahingegen dürften Länder mit einer starken Wirtschaft, einer ausgewogenen Leistungsbilanz und vergleichsweise hohen Renditen besser in der Lage sein, Zinsschwankungen von 100 Basispunkten oder mehr abzufedern.

Anleihen und Aktien könnten bei steigenden Zinsen positiv korrelieren

Alles in allem gilt: Der Zustand der Welt, an den sich viele Anleger während des vergangenen Jahrzehnts gewöhnt haben, wird nicht auf unbeschränkte Zeit Bestand haben. Wir gehen davon aus, dass die Renditen der US-Staatsanleihen 2019 ansteigen. Verschiedene Anlageklassen dürften Preiskorrekturen durchlaufen, während die lockere Geldpolitik ein Ende findet.

Die Herausforderung für Anleger besteht darin, dass sich die traditionelle Diversifizierungsbeziehung zwischen Anleihen und Aktien bei steigenden Renditen von US-Staatsanleihen womöglich nicht bewähren könnte. Wir haben bereits 2018 Phasen gesehen, in denen Risikoanlagen Einbußen hinnehmen mussten, während der „risikofreie“ Zinssatz, nämlich die Rendite auf US-Staatsanleihen, anstieg. Diese Art gleichzeitiger Rückgänge bei Anleihen, Aktien und globalen Risikoanlagen könnte sich unserer Einschätzung nach durchaus erneut einstellen, sobald die Märkte beginnen, eine beispiellose Ära der Verzerrungen an den Finanzmärkten hinter sich zu lassen.

Neben den Risiken sollten Anleger jedoch auch die Chancen nicht aus dem Blick lassen. Um sich vor den aktuellen Risiken in mehreren Anlageklassen zu schützen, sollten Anleger nach Möglichkeiten suchen, um von einem Anstieg der Zinsen zu profitieren.

Höhere Renditen in einzelnen Schwellenländern möglich: Renditen für Staatsanleihen: Zwei - und Zehnjährige Renditen (Stand: 1. November 2018)