Investmentchef von Amundi AM „Höherer Ölpreis wird Inflation kaum anheizen“

Thomas Kruse, CIO Amundi Asset Management: „ Investoren bekommen das Risiko am besten mit einer strengen Stopp-Loss-Disziplin in den Griff. Insbesondere bei jenen Assets, die von der Entwicklung der Ölpreise betroffen sind. “ | © Amundi Asset Management

Thomas Kruse, CIO Amundi Asset Management: „ Investoren bekommen das Risiko am besten mit einer strengen Stopp-Loss-Disziplin in den Griff. Insbesondere bei jenen Assets, die von der Entwicklung der Ölpreise betroffen sind. “ Foto: Amundi Asset Management

Herr Kruse, der Ölpreis hat sich in den vergangenen Wochen überraschend volatil gezeigt. Woran lag das und wie geht es weiter?

Thomas Kruse: Wir rechnen für nächsten 12 Monate mit einem Ölpreis von 60 bis 70 US-Dollar pro Barrel, wobei 60 US-Dollar wahrscheinlicher sind. Zwar haben geopolitische Risiken diesen in den vergangenen Wochen über 70 US-Dollar nach oben getrieben. Dann jedoch wurde diese Phase des Überschießens durch Spekulationen beendet, nach denen Saudi-Arabien und Russland eine politische Kehrtwende vollziehen und ihre Ölproduktion wieder steigern würden. Diese Angelegenheit wurde auch auf der OPEC-Sitzung am ersten Juni-Wochenende diskutiert, die allerdings keine konkreten Ergebnisse bezüglich höherer Produktionsraten gebracht hat. Doch es sieht so aus, als würde Russland bereits mehr fördern.

Außerdem wurde kürzlich bekannt, dass Saudi-Arabien seine Rohölausfuhren auf den höchsten Stand seit sechs Monaten gesteigert hat. Beide OPEC-Länder haben dies nicht mit den anderen Mitgliedern abgesprochen.

Hinzu kommt, dass der Öl-Ausrüster Baker Hughes Ende Mai gemeldet hat, dass die Zahl der Förderanlagen in den USA und die US-Ölförderung stark angestiegen sind. Kein Wunder also, dass Anfang Juni die Ölpreise leicht gesunken sind. Der August-Future für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent kostete kürzlich gut 76 US-Dollar. Der Preis für den Juli-Future der amerikanischen Sorte West Texas Intermediate (WTI) fiel auf rund 65 US-Dollar. Andererseits bleibt die Nachfrage nach Öl durch die starke Konjunktur hoch. Es bleibt also abzuwarten, welche Ergebnisse das Treffen der OPEC-Länder am 22. Juni bringt, insbesondere, ob die Fördermengen weiter erhöht werden.

Wie würde sich nach Ihrer Meinung ein steigender Ölpreis auf die Inflationsrate und das globale Wachstum auswirken?

Kruse: Eine Preiserhöhung wird voraussichtlich nur wenig Einfluss auf die Kern-Inflation haben, also jene von Waren und Dienstleistungen. Grund hierfür ist, dass die Erhöhung des Ölpreises nach unserer Einschätzung nur vorübergehend Bestand hat. Der Basiseffekt auf die Gesamt-Inflation mit Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Energie wird das Inflationsumfeld in den entwickelten Ländern kaum ändern. Dieses bleibt auf globalem Niveau günstig.

Im Hinblick auf das Wachstum gibt es Gewinner und Verlierer. Höhere Ölpreise haben starke Umverteilungseffekte – von Sektor zu Sektor und von Land zu Land. Die Netto-Exporteure von Rohstoffen werden mittels höherer Einnahmen aus Verkaufspreisen und Steuern profitieren. In den Industrieländern werden sich die höheren Ölpreise massiv auf die Kaufkraft von privaten Haushalten auswirken, während die Gewinnmargen von Unternehmen schrumpfen. Doch ein höherer Ölpreis wird die Inflation in den entwickelten Ländern kaum anheizen, da die Kosten für die Volkswirtschaften voraussichtlich mäßig sind.

Welche Assets werden nach Ihrer Meinung von steigenden Ölpreisen profitieren, welche werden verlieren?

Kruse: Wir befinden uns im Reifestadium des Wirtschaftszyklus. Dieser bleibt leicht günstig für Risiko-Assets, allerdings ist unser Überzeugungsgrad in Bezug auf Risiko-Assets doch begrenzt. Widersteht der Ölpreis einem stärkeren Verfall, könnte es Gelegenheiten geben für Engagements in Relative Value Anlagen mit einem Schwerpunkt auf den Energiesektor bei Aktien und in US-Hochzinsanleihen – es sei denn, es würde entscheidende Abweichungen von der aktuellen OPEC-Politik geben. Diese könnten eine Neujustierung unserer Investmentstrategie notwendig machen.

Sollte sich der Ölpreis in dem Korridor zwischen 60 und 70 US-Dollar stabilisieren, bleiben die Fundamentaldaten des Energiesektors günstig. Die großen Energieunternehmen aus den entsprechenden Indizes (STOXX Oil and Gas in Europa, IXE in den USA) sind stark korreliert mit dem Preis der Benchmark-Ölsorten. Eine Aktienauswahl nach dem Bottom-Up-Prinzip beweist, dass es interessante Gelegenheiten bei den europäischen Öl-Riesen gibt. Sie haben große Projekte in der Pipeline, die ihr organisches Wachstum ankurbeln.

Welche Strategie würden Sie Investoren empfehlen, um das Risiko aufgrund stark schwankender Ölpreise zu minimieren?

Kruse: Wir meinen, dass Investoren das Risiko am besten in den Griff bekommen mit einer strengen Stopp-Loss-Disziplin bei jenen Assets, die von der Entwicklung der Ölpreise betroffen sind. Bei einer mehr auf mittlere Sicht ausgerichteten Perspektive müssen Investoren im Blick haben, dass steigende Rohstoffpreise die Inflation und das Wirtschaftswachstum ankurbeln könnten.

Eine Möglichkeit, das Inflationsrisiko zu begrenzen, bieten inflationsgebundene Anleihen. In Bezug auf das Wirtschaftswachstum ist die Situation schwieriger. Einerseits könnte ein höherer Ölpreis über die steigende Inflationsrate das Wachstum beeinträchtigen. Auf der anderen Seite könnte ein längerer Preisanstieg zu mehr Investitionen führen. Grundsätzlich sind wir jedoch der Ansicht, dass wir nicht ausdrücklich gegen ein Szenario von Stagflation hedgen müssen, das von einem höheren Ölpreis angetrieben wird.