Versicherungsmathematiker warnen „Keine Pensionskasse bleibt vom Tiefzinsumfeld verschont“

Dr. Friedemann Lucius (li.) und Stefan Oecking erörtern im Gespräch die Krise bei Pensionskassen.  | © Deutsche Aktuarvereinigung (DAV)

Dr. Friedemann Lucius (li.) und Stefan Oecking erörtern im Gespräch die Krise bei Pensionskassen. Foto: Deutsche Aktuarvereinigung (DAV)

Um im Bild der vergangenen Wochen zu bleiben, wie krank sind die deutschen Pensionskassen und Pensionsfonds?

Friedemann Lucius: Die deutsche betriebliche Altersversorgung (bAV) hat sich mit dem Tiefzins-Virus infiziert und sie leidet. Vieles deutet auf einen chronischen Krankheitsverlauf hin. Alle suchen derzeit nach der richtigen Therapie und versuchen, durch geeignete Maßnahmen erst einmal Zeit zu gewinnen, um die „Leistungsamputation“ zu verhindern. Eine Immunisierung des Bestandes ist schwierig und aufwendig. Alles, was Linderung verschafft, kostet Geld.

Aber wie bei der Coronapandemie zeigt sich: Es bringt nichts, in Panik zu verfallen. Um das zu verhindern, müssen alle Beteiligten die Probleme klar benennen, Transparenz herstellen, gut miteinander kommunizieren und gemeinsam Lösungen erarbeiten, die auf allen Seiten guten Willen voraussetzen und jedem seinen Beitrag abverlangen. Da sehe ich derzeit noch Luft nach oben.

War die Ansteckungsgefahr durch die Tiefzinssituation aber nicht seit Jahren absehbar?

Lucius: Ja, das war sie. Und die Bafin wie die DAV und das IVS haben regelmäßig darauf hingewiesen. Aber die hohe Ansteckungsgefahr liegt im Geschäftsmodell der Pensionskassen begründet. Denn dieses war immer darauf ausgerichtet, die vorhandenen Mittel möglichst effizient mit dem Ziel zu verwenden, aus den Beiträgen des Kollektivs möglichst hohe Leistungen mit der erforderlichen Sicherheit für das Kollektiv zu finanzieren. Insgesamt müssen wir heute konstatieren, dass vielen Kassen die Mittel fehlen, um die Sicherheiten in den Rechnungsgrundlagen, insbesondere im Hinblick auf den Niedrigzins und die beständige Verlängerung der Lebenserwartung, zu erhöhen oder Risiken in der Kapitalanlage auszugleichen.

Wie kann die Situation der Pensionskassen verbessert werden?

Stefan Oecking: Die Kassen müssen ihre Risikotragfähigkeit erhöhen. Auf Basis der aktuellen Aufsichtsregelungen gibt es dafür die beiden folgenden Möglichkeiten: Entweder die Pensionskassen senken ihre rechnungsmäßigen Annahmen zur Bewertung der Verpflichtungen, was zu einem deutlichen Anstieg der Reserven führt, aber im Gegenzug die Ertragsanforderungen an die Kapitalanlage deutlich mindert. Oder sie gehen in der Kapitalanlage höhere Risiken ein, um dauerhaft Erträge in der vor Jahren erwarteten Höhe erwirtschaften zu können.

Um die damit verbundenen Schwankungsrisiken auffangen und Kapitalmarkteinbrüche überstehen zu können, brauchen die Kassen freie, unbelastete Eigenmittel. Diese Eigenmittel müssen, wenn sie nicht vorhanden sind, von außen bereitgestellt werden. Beide Wege kosten also Geld. 

Gibt es keine Alternativen dazu?

Oecking: Es gäbe auch noch einen dritten Weg, der es den Kassen erlauben würde, Schwankungsrisiken in der Kapitalanlage aufzufangen, und das ist der Faktor Zeit. Pensionskassen gewähren Leistungen der betrieblichen Altersversorgung. Wir sprechen hier über lebenslange Renten, die nicht jederzeit kapitalisiert und zurückgekauft werden können. Diesen Umstand müssen wir uns zunutze machen, indem die aufsichtsrechtlichen Bedeckungsvorgaben weniger zeitpunktbezogen immer nur auf einen Stichtag abstellen, sondern vor allem die jahrzehntelange Abwicklungsdauer der Verpflichtungen in den Blick nehmen.

Geben wir den Kassen die Möglichkeit Schwankungen aus einer risiko- und chancenreicheren Kapitalanlage über die Zeit auszugleichen. So paradox es klingt: Aber versicherungsmathematische Modelle zeigen, dass wir damit die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, garantierte oder in Aussicht gestellte Leistungen auch tatsächlich erbringen zu können. Deshalb halten wir eine Flexibilisierung der starren aufsichtsrechtlichen Bedeckungsvorschriften für zielführend, um die kapitalgedeckten Finanzierungssysteme von EbAVs zu stabilisieren.