Kurskorrektur an den Börsen „Die Fundamentaldaten sind weiterhin solide“

Muldenkipper von Caterpillar in einer kanadischen Mine. Der Baumaschinenhersteller ist im Dow Jones Index gelistet und profitiert von der steigenden Wirtschaftskraft in den USA. | © Getty Images

Muldenkipper von Caterpillar in einer kanadischen Mine. Der Baumaschinenhersteller ist im Dow Jones Index gelistet und profitiert von der steigenden Wirtschaftskraft in den USA. Foto: Getty Images

Monica Defend, Leiterin Strategie und stellvertretende Chefin der Strategieabteilung bei Amundi Asset Management

Wir haben jüngst mehrere Kurskorrekturen gesehen, zuerst bei Renten, jetzt am Aktienmarkt. Was steckt dahinter?

Monica Defend: Wir hatten lange keine Kurskorrektur; hohe und zum Teil extreme Bewertungen bei risikobehafteten Anlagen wurden ignoriert, Anleger investierten vermehrt in Aktien oder verfolgten spekulative Strategien an den Zins- und Währungsmärkten mit sogenannten Carry Trades. Am zweiten Februar wurden dann die US-Lohnkosten veröffentlicht: Die durchschnittlichen Stundenlöhne sind mit 2,9 Prozent so deutlich gestiegen wie zuletzt im Juni 2009. Im Vormonat waren es lediglich 2,5 Prozent. Die Märkte rechnen jetzt mit höheren Inflationszahlen, Kurskorrekturen wären die Folge.

Begann die Entwicklung mit den Aktienbörsen?

Defend: Zuerst waren die Rentenmärkte betroffen: Die reale Rendite auf zehnjährige US-Anleihen stieg von 0,48 Prozent auf 0,72 Prozent. Wie sich an der Entwicklung inflationsgeschützter Anleihen (TIPS) ablesen lässt, stiegen gleichzeitig die Inflationserwartungen von 1,91 Prozent auf 2,11 Prozent. Am Aktienmarkt kam es dann am fünften Februar zu deutlichen Verkäufen, weil algorithmische Handelsprogramme entsprechende Stopp-Loss-Aufträge auslösten, also den Verkauf bei Unterschreiten einer bestimmen Schwelle.

Welche Konsequenzen hat das für Ihre Anlagestrategie im Jahr 2018?

Defend: Es kommt nach unserer Auffassung bei der richtigen Anlagestrategie für dieses Jahr entscheidend auf die Inflationserwartungen an. Wir sehen bisher keine Anzeichen für größere Preisanstiege in den USA und sehen unser Basisszenario einer mäßig steigenden Teuerungsrate als weiter intakt an.

Sehen Sie Veränderungen in den Wirtschaftskennzahlen oder den Fundamentaldaten der Unternehmen, die eine Korrektur rechtfertigen?

Defend: Die positiven Fundamentaldaten von Wirtschaft und Unternehmen rechtfertigen die massiven Verkäufe nicht: Die Weltwirtschaft wächst. Überall auf der Welt haben Unternehmen aus allen Sektoren gute Zahlen vorgelegt und uns damit in unserer Überzeugung bestätigt, dass es bei Aktienrenditen vor allem auf den Gewinn je Aktie ankommt. Die Fundamentaldaten sind also weiterhin solide.

Sehen Sie hier eine Einstiegsgelegenheit, oder erwarten Sie, dass die Volatilität eine Weile erhalten bleibt?

Defend: Die Kursentwicklung der letzten Jahre war äußerst stabil, es ist daher gut möglich, dass die Volatilität uns jetzt eine Weile begleitet. Wir bleiben bis auf weiteres vorsichtig. Wenn sich jedoch Gelegenheiten ergeben, werden wir diese auch aktiv ausschöpfen. Bei dem aktuellen Comeback der Inflation ist das durchaus möglich. Nebenbei treten wir gerade in das Spätstadium des laufenden Finanzzyklus ein, Volatilität ist dabei nicht ungewöhnlich.

Vincent Mortier, stellvertretender Investmentchef bei Amundi Asset Management

Mit welchen Strategien können Anleger sich für diese Korrektur wappnen?

Vincent Mortier: In den letzten Monaten haben wir uns darauf konzentriert Risiken zu reduzieren und fahren Absicherungsstrategien. Wie gesagt gehen wir gerade in das Spätstadium des aktuellen Finanzzyklus über und können uns daher eine Präferenz für Aktien mit gutem Gewinnwachstum, also einem steigenden Gewinn je Aktie, erlauben; insbesondere von europäischen und japanischen Papieren. Bei sorgfältiger Auswahl kommen auch Aktien aus einigen Schwellenländern in Frage.

Wie sieht es mit Anleihen aus?

Mortier: Bei Unternehmensanleihen sollten Anleger genau hinsehen, denn die Bewertungen sind extrem hoch. Außerdem empfehlen wir kurze Laufzeiten, da sich hier noch immer Prämien abschöpfen lassen. Entscheidend sind Qualität und Liquidität. Bei Staatsanleihen wird es vor allem darauf ankommen, Duration, das heißt die durchschnittliche Kapitalbindungsdauer, und Zinskurve richtig zu steuern. Zwar kehren die Laufzeitprämien allmählich wieder in die Zinskurven zurück, dennoch empfehlen wir zur Risikoreduktion in dieser Phase eine kurze Duration und inflationsgeschützte Anleihen.

Was ist unter Laufzeitprämie zu verstehen?

Mortier: Die Laufzeitprämie ist die zusätzliche Rendite, mit der Anleger für vergleichsweise längere Laufzeiten – und damit eine längere Haltedauer – entschädigt werden.

Welche weiteren, allgemeinen Ratschläge geben Sie Investoren?

Mortier: Alles in allem sollten sich Anleger aus unserer Sicht weiterhin auf eine möglichst breite Streuung konzentrieren und Verlustrisiken mit entsprechenden Strategien reduzieren. Gleichzeitig könnten sich durch die Kurskorrektur auch wieder Einstiegsgelegenheiten ergeben. Wer bei den aktuellen soliden Wirtschafts- und Unternehmenskennzahlen aussichtsreiche Anlagen finden will, sollte nach unserer Auffassung aktiv und flexibel investieren.