Prof. Dr. Söhnholz ESG als Chance oder Gefahr für aktives Fondsmanagement?

Prof. Dr. Dirk Söhnholz: „ESG bietet aktiven Managern ein besonders interessantes Feld“.  | © Dirk Söhnholz

Prof. Dr. Dirk Söhnholz: „ESG bietet aktiven Managern ein besonders interessantes Feld“. Foto: Dirk Söhnholz

Kürzlich bat mich ein Vorstand eines der ganz großen Fondsanbieter um Antworten auf vier für ihn wichtige Fragen. Hier meine Antworten:


Vertragen sich passive Anlagen mit aktivem ESG-Management?

Passiv ist passiv und sollte nicht mit aktivem ESG-Management vermischt werden. Meine Antwort lautet daher „Nein“. Die Frage ist aber natürlich, was genau unter aktiv und passiv verstanden wird. Ich sehe zum Beispiel eine voll regelbasierte Strategie, die zur häufigen Veränderung von Portfolios führen kann, als passiv an (siehe auch hier). Beispiel: Ich nehme nur Aktien ins Portfolio, die Top E-, S- und G-Scores haben. Dazu nutze ich einen Datenlieferanten. Wenn dieser unterjährig die E-, S- und G-Scores – zum Beispiel durch Nutzung von maschinellem Lernen – häufig verändert, kann das Portfolio automatisch angepasst werden und ist trotzdem noch passiv, solange die Regeln nicht geändert werden (siehe zum Beispiel hier).

Das kann allerdings zu relativ hohen Transaktionskosten führen. Anleger erwarten von passiven Portfolios jedoch niedrige Kosten. Durch den Vorabausweis erwarteter Gesamtkosten inklusive Transaktionskosten kann Transparenz geschaffen werden. Deshalb sollte man den Begriff „passiv“ durch „regelbasiert“ ersetzen und um „transaktionsfrei“ beziehungsweise „transaktionsarm“ ergänzen, um Klarheit zu schaffen.

Aktiv ist ein Portfolio demnach, wenn es nicht komplett regelabhängig ist. Dazu gehören alle diskretionären Portfolioeingriffe. Auch sogenanntes Engagement beziehungsweise Stimmrechtsausübungen dürften nur schwer regelbasiert umsetzbar sein. Allerdings kann man geteilter Ansicht sein, ob man lieber ohne Engagement in die besten Unternehmen oder mit Einflussnahme in eher schlechtere Unternehmen investieren sollte (siehe hier).


Stehen die Anreize für passive Manager nicht einem konsequenten ESG-Management entgegen?

Einerseits stimmt das: „Passive“ Produkte werden oft als besonders günstig beworben/angeboten und Anbieter können Kosten sparen, wenn sie keine beziehungsweise nur geringe Kosten für ESG haben.

Andererseits ist zu erwarten, dass Anleger bei zwei vergleichbaren Produkten eher das verantwortungsvolle als das traditionelle Produkt kaufen (siehe zum Beispiel hier). Der Anbieter eines passiven ESG-Produktes hat also Anreize, ESG-Daten zu nutzen. Ich würde die Frage daher mit „Nein“ beantworten.