Nachhaltigkeit als Chance Was der Mittelstand vom Versagen der Konzerne lernen kann

Anette Bickmeyer:  „Gerade das Versagen von Konzernen und Banken in der Vergangenheit kann die Chance des Mittelstands in der Zukunft sein.“ | © Mike Blume

Anette Bickmeyer: „Gerade das Versagen von Konzernen und Banken in der Vergangenheit kann die Chance des Mittelstands in der Zukunft sein.“ Foto: Mike Blume

Der Begriff Nachhaltigkeit ist zur Monstranz verkommen. Die Industrie trägt das Thema wie bei einer Prozession vor sich her, doch ist damit nicht gesagt, dass sie auch daran glauben. Auch die Umstehenden zweifeln, wie ernst es der Mehrheit der Unternehmen damit ist. Und dies nicht erst, seit VW aus bekannten Gründen seine über Jahre erworbenen Nachhaltigkeits-Trophäen aus den Vitrinen nahm und schamvoll zurückgab.

Demontage der Glaubwürdigkeit

Bis dahin galt der Wolfsburger Konzern vielen als eines der Vorzeigeunternehmen beim Thema Nachhaltigkeit. Heute wird der Autobauer mit Betrug, die Nachhaltigkeitsarbeit des Unternehmens mit „green washing“ assoziiert. Die Deutsche Bank steht nicht besser da. Diese von den Unternehmen selbstverursachte Demontage ihrer Glaubwürdigkeit, suggeriert dem Betrachter, dass hier etwas grundsätzlich schiefgelaufen ist. Doch was genau?

Unternehmen, die eine gute Figur machen wollen und  Nachhaltigkeitsberichterstattung leisten, um dem Kunden, aber auch dem Kapitalmarkt zu gefallen, halten die Monstranz Nachhaltigkeit ordentlich hoch. Sie berichten in bildgewaltigen Präsentationen, gern auf Recyclingpapier gedruckt oder per aufwendig gestalteten Websites, über ihre Nachhaltigkeitsarbeit – alles nur Fake?

Alles nur Fake?

Der Eindruck drängt sich auf, dass Unternehmen wie VW und die Deutsche Bank nicht meinen, was sie sagen. Nach all den Skandalen erscheinen Nachhaltigkeitsabteilungen als die eigentlichen PR-Abteilungen, die so tun „als ob“. Nachhaltig soll für diese Unternehmen allein der Konzernüberschuss sein.

Doch auch dieser sehr nachvollziehbare Eindruck trügt: Tatsächlich haben VW und auch die Deutsche Bank neben vielen anderen Unternehmen Nachhaltigkeit in einzelnen Segmenten in ihren Unternehmen vorangebracht. Die eine oder andere Nachhaltigkeits-Trophäe war von diesen Unternehmen also ehrlich erarbeitet worden. Das Versagen dieser Konzerne beim Thema Nachhaltigkeit gründet nicht im Versagen ihrer Nachhaltigkeitsabteilungen.

Nie Teil der Unternehmens-DNA

Vielmehr ist mittlerweile klar: Nachhaltigkeit war nicht in die DNA dieser Skandal-Konzerne eingedrungen, war nicht Chefsache, und wesentlicher Teil der Unternehmenskultur geworden, sonst stünden diese Unternehmen heute anders da. Darüber hinaus haben sie auch dem Thema und Anliegen der Nachhaltigkeit einen Bärendienst erwiesen. Und sind VW und Deutsche Bank hier wirklich Ausnahmen?

Bei genauer Betrachtung ist Nachhaltigkeit für die meisten Unternehmen ein Hygiene-Thema, aber kein Alleinstellungsmerkmal. Nur wenige Unternehmen nutzen tatsächlich das Potenzial der Annahme, dass ein in allen drei Dimensionen der Nachhaltigkeit klug gesteuertes Unternehmen vermutlich dauerhaft erfolgreicher und für den Kreditgeber auf jeden Fall risikoärmer ist.

Erfolge bleiben mäßig

Welche Dimensionen umfasst nachhaltiges Management? Im Fachjargon geht es um Environment-, Social-, Governance-Kriterien, also solche, die im Einklang mit Umwelt, Gesellschaft und guter Unternehmensführung stehen. Zwar gibt es durchaus Unternehmen, die sich dem Thema Nachhaltigkeit intensiv widmen und es als unternehmerische Chance verstehen. Doch ebenso wird es von vielen Managern als eines der Hygiene-Themen aufgefasst, die zu erledigen, aber für das eigene unternehmerische Handeln nicht leitend sind.

In Konzernen gehört die Monstranz Nachhaltigkeit seit einer Weile zum Inventar, wenn auch gern in die weniger attraktiven Büros geschoben, weg von den Entscheidern. Während sich die neue Nachhaltigkeits-Dienstleistungs-Industrie in Gestalt von Nachhaltigkeits-Managern, Wirtschaftsprüfern und Stäben von Beratern am Thema abarbeitet, werden Kommunikationsabteilungen nicht müde zu versichern, wie ernst es dem Management mit der Nachhaltigkeit sei. Erfolge bleiben mäßig.

Und längst haben sich Shareholder und Stakeholder daran gewöhnt, dass nicht alles grün ist, was grün erscheint. Sie ahnen, dass es häufig PR-Geschichten sind, die die Illusion erzeugen, dass alles immer besser wird. Zum Beispiel, dass Unternehmen ihre globalen Lieferketten, seien sie auch noch so verschlungen, im internationalen Dschungel von Subunternehmen und Zulieferern im Griff hätten. Klar ist nur, dass sich die Unternehmen in entsprechenden nationalen und internationalen Nachhaltigkeits-Rankings einen schlanken Fuß machen wollen.