ESG-Analyse Die gesellschaftliche Lizenz des Unternehmens entscheidet

Steve Wreford (r.) und John King arbeiten im Portfoliomangement von Lazard Asset Management. | © Lazard Asset Management

Steve Wreford (r.) und John King arbeiten im Portfoliomangement von Lazard Asset Management. Foto: Lazard Asset Management

Ein wesentlicher Bestandteil der Investmentanalyse ist die Betrachtung der Risiken, denen ein Unternehmen ausgesetzt ist. Falsche strategische Entscheidungen, übermäßige Verschuldung, schlechtes Management oder dramatische Veränderungen in der Wettbewerbslandschaft sind heute jedoch nicht die alleinigen Gründe, warum ein Unternehmen scheitern kann. Übergeordnete Trends wie der technologische Wandel, die alternde Bevölkerung oder ökologische Anforderungen spielen eine immer größere Rolle bei der umfassenden Bewertung. Sie sollten darum ein fest integrierter Bestandteil des Investmentprozesses sein. Ein entsprechender Rahmen sichert eine einheitliche Vorgehensweise, um die Nachhaltigkeit von Unternehmen zu bewerten, und bietet so die Möglichkeit, langfristige Renditen für das Portfolio zu generieren.

Ein wichtiger Aspekt wird dabei jedoch aus unserer Sicht noch immer vernachlässigt: Basis eines erfolgreichen Unternehmens oder auch einer ganzen Branche ist die Beziehung zur Gesellschaft. Jedes Unternehmen hat eine Art gesellschaftliche Lizenz. Ist das Vertrauen in einer Beziehung jedoch erst einmal gestört oder verfolgen beide Partner nicht mehr die gleichen Ziele, führt das häufig zur Trennung oder zumindest zu einem nachhaltigen Vertrauensverlust.

Verliert ein Unternehmen seine gesellschaftliche Lizenz, dann hat das ebenso weitreichende Folgen: Verbraucher kehren der Marke den Rücken zu, Regierungen erlassen Gesetze, um Konsumenten zu schützen, oder Regulatoren bestrafen den Vertrauensverlust mit neuen Auflagen. Dem Unternehmen werden damit die Grundlagen seines Geschäftserfolgs entzogen, was sich nachhaltig auf den Aktienkurs auswirken kann.

Mit dem Aufkommen der sozialen Medien wird diese Beziehung zwischen Unternehmen und Gesellschaft zunehmend angreifbarer. Eine Nachricht, ein Foto, ein Video werden heute in Sekundenschnelle mit der ganzen Welt geteilt. Lobbyisten verbreiten ihr Gedankengut über Twitter. Ein Vergehen oder ein Skandal lassen sich kaum noch unter den Teppich kehren und können den Ruf von Unternehmen oder Branchen weltweit beschädigen. Die Gefährdung der Beziehung eines Unternehmens zur Gesellschaft oder zu seinen Stakeholdern stellt darum künftig die größte Gefahr für den Wert eines Unternehmens dar. Viele Unternehmen haben das bereits erkannt und nutzen selbst die Social-Media-Plattformen, um Imageverlusten zu begegnen.

Nicht nur Unternehmen, ganze Branchen sind von den Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen betroffen. Entwicklungen, wie zum Beispiel der Klimawandel, beeinflussen Konsumenten. Ihre Werte verändern sich und damit auch ihr Kaufverhalten. Ein solcher Wandel kann manchmal lange dauern und trotzdem ganz plötzlich zu einer Bedrohung für Unternehmen werden.

Vor allem Branchen, die starke Auswirkungen auf die Umwelt, die Gesundheit oder schwache Bevölkerungsschichten haben, sind besonders anfällig für den Entzug der gesellschaftlichen Lizenz, zum Beispiel durch die Regulatoren. Für andere Branchen hängt die gesellschaftliche Lizenz dagegen stärker vom Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Gesellschaft ab. So steht zum Beispiel die Rohstoffindustrie aufgrund ihrer Umweltauswirkungen immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Doch noch wiegen die Steuereinnahmen und die Energieversorgung der Menschen offensichtlich stärker. Die Frage ist allerdings, wie lange das noch angesichts immer ausgereifterer tragfähiger Alternativen so bleibt.