Komplexer als ESG-Analyse von Unternehmen Wie Anleger nachhaltig in Staatsanleihen investieren

Maria Municchi managt den M&G (Lux) Sustainable Allocation Fund. | © M&G Investments

Maria Municchi managt den M&G (Lux) Sustainable Allocation Fund. Foto: M&G Investments

Nach und nach erobert der Gedanke, mit Anleihen umweltfreundliche Projekte zu fördern, auch die Finanzministerien vieler Länder: So war kürzlich die Emission des ersten Green Bonds der Niederlande außerordentlich erfolgreich. In Deutschland prüft man aktuell die Auflage einer grünen Bundesanleihe und auch andere Staaten, wie etwa Luxemburg, denken über entsprechende Staatsanleihen nach. Und doch ist das viel zu wenig, um die steigende Nachfrage befriedigen zu können. Daher ist es gerade für professionelle Anleger wichtig, herkömmliche Staatsanleihen auf ihre ESG-Kompatibilität hin zu überprüfen.

ESG-Investoren sollten nicht auf Staatsanleihen verzichten

Die schiere Bandbreite staatlicher Aktivitäten macht die Bewertung eines Landes als Emittenten wesentlich komplexer als die eines Unternehmens. Manche ESG-Investoren verzichten daher lieber komplett auf Staatsanleihen. Sie begründen ihre Entscheidung damit, dass Regierungen sündige Sektoren unterstützen oder von diesen profitieren. Dazu zählen die Tabak- und Alkoholindustrie, Waffenhersteller sowie die Spielebranche. Wenn ein Unternehmen mit solchen Industrien zu tun hat, ist das sofort ein Ausschlusskriterium im ESG-Rating.

Sollte man das bei Staaten nicht genauso sehen? Nicht unbedingt, denn für ein ausbalanciertes Portfolio und, um die gewünschte oder regulatorisch erforderliche Risikostruktur zu erreichen, brauchen wir im Asset Management auch liquide Bausteine. Daher sollte man zunächst einmal allen Anleiheformen gegenüber offen sein.

Die Komplexität der öffentlichen Finanzen und Ausgaben kann man mit einem modifizierten Bewertungsansatz bewältigen. Natürlich gibt es kaum ein Land, das die üblichen ESG-Screenings für Unternehmen bestehen würde. Die Aktivitäten eines Unternehmens sind fokussierter und weniger weitreichend als die einer Regierung: Die Einnahmen aus der Emission von Staatsanleihen sind normalerweise nicht zweckgebunden und werden, je nach Bedarf, für eine ganze Nation verwendet.

Im Verhältnis zu den Steuereinnahmen eines Landes sind die Mittel, die durch eine solche Anleiheemission aufgenommenen werden, relativ gering. Bezogen auf die Gesamtausgaben könnte also erst einmal vermutet werden, dass ein großer Teil des Emissionsvolumens für nützliche Zwecke ausgegeben wird – aber eben auch ein Teil für anderes.

Netto-Bewertung der Staatsfinanzen führt zu einem realistischen Ergebnis

Setzt man alle Ausgaben eines Staates ins Verhältnis zum Gesamthaushalt, kann man leichter erkennen, ob die Bond-Emission vorteilhaft im Sinne der ESG-Kriterien ist. Diese sogenannte Nettoanalyse ist keine einfache Aufgabe. Neben muss man quantitative hier auch qualitative Aspekte berücksichtigen.

Deutlich wird das am Beispiel der USA: Wir gehen davon aus, dass die meisten Aktivitäten, die durch US-Staatsanleihen unterstützt werden, positive Auswirkungen für das Funktionieren der US-Gesellschaft haben. Und das ist der Hintergrund für diese Annahme: Die USA haben zwar die höchsten bekannten Verteidigungsausgaben weltweit. In dem Teil des US-Budgets, den der Kongress jedes Jahr neu bewilligt, die sogenannten Ermessensausgaben, ist mehr als die Hälfte für die Verteidigung bestimmt.

Aber dennoch gehen etwa 60 Prozent der gesamten Bundesausgaben nicht in diese Töpfe, sondern sind Ausgaben, die sich aus den Ansprüchen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen ergeben und langfristig ausgelegt sind – die sogenannten pflichtgemäßen Ausgaben. Der größte Teil davon geht eben in die Sozialfürsorge, das Gesundheitssystem und die Bildung. Unterm Strich überwiegen demnach im US-Haushalt die Positionen mit sozialen Auswirkungen.

US-Staatsausgaben im Haushaltsjahr 2019

 Quelle: www.episodeblog.com; M&G