Value-Investing und die jüngste Aktienkurs-Rally Vorsicht vor der fehlenden Marktbreite

Gökhan Kula ist Gründer der Fondsboutique Myra Capital  | © Anna Mutter

Gökhan Kula ist Gründer der Fondsboutique Myra Capital Foto: Anna Mutter

Für Aktienanleger hat das 1. Halbjahr 2017 erfreuliche Wertsteigerungen gebracht. Auch wenn vor allem europäische Aktienwerte und Schwellenländerinvestments zu den Top-Performern gehören, konnten auch US-amerikanische Titel erfreuliche Zugewinne erwirtschaften – trotz dem ganzen politischen Trump-Geplänkel, das sich teilweise auch am schwächeren US-Dollar entlädt.

Sieht man sich die Wertentwicklung des US-Leitindex S&P 500 genauer an, dann erkennt man, dass einige wenige großkapitalisierte Technologie-Unternehmen für einen Großteil der Indexsteigerungen verantwortlich sind. In einer aktuellen Studie von Barclays wird diese Fragestellung analysiert und im historischen Kontext beleuchtet. Mit dem Ergebnis, dass die zehn besten Performer im S&P 500 Index – überwiegend Tech-Wachstumsaktien aus dem Large-Cap-Bereich – fast die Hälfte der Wertsteigerung des S&P 500 Index verantwortet haben. Von einer Marktbreite des Indexanstiegs kann daher definitiv nicht gesprochen werden:

 Quelle: Factset, Barclays Research

Die Top-Performer seit Jahresanfang sind namentlich gut bekannte, mitunter auch mit dem Akronym FAANG zusammengefasste Tech-Unternehmen wie Apple, Amazon, Facebook & Co. Sieht man sich den historischen durchschnittlichen Beitrag der Top-10-Aktien an, beträgt dieser in den positiven Aktienjahren 30 Prozent der S&P 500 Index-Performance. Mit dem aktuell knapp 50-prozentigen Anteil ist hier unseres Erachtens wenig Luft nach oben, ohne dass in diesem Segment eine Blasenbildung entsteht. Eine Normalisierung sollte nur mehr eine Zeitfrage sein. Die seit Mitte Juni 2017 beobachtete Schwäche der Tech-Titel könnte dabei nur der Anfang gewesen sein.

Aus Bewertungssicht ist auffällig, dass bei isolierter Betrachtung der Top-Performern die ohnehin schon hohen Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGV) in den vergangenen sechs Monaten nochmals stark angezogen sind. Mit einem durchschnittlichen Forward-KGV von knapp 23 sind deren Werte deutlich teurer bewertet als der S&P 500-Durchschnitt von 17,6. Würde man die Top-10-Werte aus dem Index rausrechnen, hätte der US-Leitindex sogar ein durchschnittliches Forward-KGV von nur noch 16,4.

 Quelle: Factset, Barclays Research

Wenig überraschend kommen bei Betrachtung der aktuellen Bewertungssituation vergangene Zeiten in den Sinn, in denen Aktienrallys mit fehlender Marktbreite tränenreich für die Investoren endeten. Das Platzen der Technologieblase ist dabei ein gutes Beispiel: Damals schwächte sich die Marktbreite am US-Aktienmarkt bereits ab Mitte 1998 deutlich ab. Auch wenn der Aktienmarkt erst im März 2000 einbrach, hat die nachlassende Marktbreite deutliche Warnzeichen geliefert. Bei Betrachtung der Finanzkrise fällt auf, dass ab Mitte 2007 die Marktbreite an den Aktienmärkten zurückging und auch in diesem Fall auf Fragilität an den Aktienmärkten hingewiesen hat.