Saisonales Kursmuster im Dow Jones Das Beste kommt zum Schluss

US-Börsenhändler: Mitte November hat der Dow Jones Industrial Average die Marke von 28.000 Punkten überschritten.  | © Getty Images

US-Börsenhändler: Mitte November hat der Dow Jones Industrial Average die Marke von 28.000 Punkten überschritten. Foto: Getty Images

Jörg Scherer, Leiter des Teams Technische Analyse bei HSBC

Die internationalen Aktienmärkte im Allgemeinen und der Dow Jones Industrial Average im Speziellen erleben ein sehr konstruktives Aktienjahr 2019. So liegt der Index, der sich aus 30 der größten US-Unternehmen zusammensetzt und an der New York Stock Exchange gehandelt wird, per Ende Oktober mehr als 15 Prozent im Plus. Weshalb ist das einer besonderen Erwähnung wert? Es gehört zur Basisannahme der Technischen Analyse, dass sich einmal etablierte Trends fortsetzen werden. Stärke zieht demnach weitere Stärke nach sich.

Doch wie realistisch sind weitere Kurszuwächse nach einem ohnehin schon freundlichen Aktienjahr? In diesem Zusammenhang haben wir untersucht, was Anleger beim Dow Jones von den letzten beiden Monaten des Jahres erwarten können, wenn die US-Standardwerte zuvor bis Ende Oktober um mehr als 15 Prozent zulegen konnten. Der Blick in die Statistik zeigt: Unter dieser Vorbedingung kam es seit dem Jahr 1897 lediglich drei Mal zu Kursverlusten. In 29 Jahren realisierte der Dow Jones in den letzten beiden Monaten des Jahres hingegen weitere Anschlussgewinne. Neben der hohen Trefferquote von über 90 Prozent ist darüber hinaus der durchschnittliche Kurszuwachs von 4,7 Prozent bemerkenswert. Beide Kennziffern stellen die Ergebnisse der Jahre, in denen der Dow Jones bis Oktober um weniger als 15 Prozent zulegen konnte, deutlich in den Schatten.

Die Grundannahme der Technischen Analyse, dass Stärke weitere Stärke nach sich zieht, wird demnach eindrucksvoll bestätigt. Als mögliche Erklärungsansätze für diese Anomalie können Anleger das Verharrungsverhalten etablierter Trends, den Leidensdruck von (bisher) nicht investierten Investoren oder schlicht und einfach „window dressing“-Effekte seitens großer institutioneller Anleger heranziehen. Die Ursachen sind vielfältig; der Effekt bleibt jedoch gleich: Es lohnt sich, nach besonders guten Aktienjahren Ausschau zu halten.

Vor allem aber sollten Börsianer diese von Gewinnen gekennzeichnete Marktlage im Herbst nicht zu früh abhaken und die Performance in den letzten beiden Monaten der betreffenden überdurchschnittlich guten Jahre nicht unterschätzen.

Auswirkungen auf das Folgejahr

Spannend ist außerdem die Frage, ob eine gute Wertentwicklung im Vorjahr auch Auswirkungen auf das Folgejahr – sprich für 2020 – hat. Doch hier ist es leider so, dass sich der Zusammenhang umkehrt. Nach einem besonders guten Aktienjahr mit mehr als 15 Prozent Kursplus bis Ende Oktober steigt der Dow Jones im Folgejahr mit einer Trefferquote von 62,5 Prozent durchschnittlich lediglich um 6,3 Prozent. Der Zuwachs fällt damit schwächer aus als in den Jahren mit einem Zuwachs von weniger als 15 Prozent: Danach kommt es nämlich in zwei Dritteln aller Fälle zu Anschlussgewinnen, die im Durchschnitt 7,7 Prozent betragen. In der historischen Rückschau ergibt sich aus den Zahlen: Eine besonders gute Aktienentwicklung im Vorjahr stellt für das Folgejahr eher eine Hypothek dar.