Auslaufmodell BIP? „Ökologische Schäden können zum BIP-Wachstum beitragen“

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Wie sieht es aus mit der fehlenden Erfassung des Verbrauchs natürlicher Ressourcen – auch angesichts der Tatsache, dass ESG-Faktoren für Kapitalgeber eine immer größere Rolle spielen?

Straubhaar: Das hat mich schon in jungen Jahren bewegt, als es um die Grenzen des Wachstums ging – Stichwort Club of Rome. Ökologische Schäden können zum BIP-Wachstum beitragen, denken Sie an den Aufwand zur Wiederherstellung nach Umweltkatastrophen. Daher sollten wir uns immer wieder bewusst machen, dass ökonomisches und ökologisches Wachstum wenig miteinander zu tun haben. Dazu kommt, dass wir lange gesündigt haben, indem wir externe Kosten vernachlässigt haben.

Das Schöne ist aber, dass wir wirtschaftliches Wachstum haben können – auch ohne höhere ökologische Schäden. Da helfen uns neue Technologien ganz eminent. Wenn Menschen mehr Informationen haben, machen sie hoffentlich klügere Dinge. Die Alltagserfahrung zeigt uns übrigens auch, dass es beim Wirtschaftswachstum nicht um Maximierung gehen sollte, sondern um Optimierung. Für Anleger heißt das: Diejenigen, die nur einseitig die ökonomische Rendite im Auge haben, könnten auf die Nase fallen. Unsere Untersuchungen machen auch ganz eindeutig klar, dass es sich rechnet, wenn man langfristig nachhaltig orientiert ist.

Albert: Wir haben viele Kunden wie beispielsweise Pensionskassen, die einen sehr langfristigen Blick haben müssen. Diese fragen sich, was es ihnen nützt, wenn sie in diesem Kalenderjahr x Prozent verdienen, in 20 Jahren dies aber nicht mehr verdienen können, weil sie durch die Art des Investierens die Grundlage zukünftiger Erträge zerstört haben. Deshalb legen diese Anleger großen Wert darauf, bei ihrer Kapitalanlage auch ökologische und soziale Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Und die Empirie zeigt, dass die Rendite nachhaltiger Anlagen im Durchschnitt nicht schlechter ist – ganz im Gegenteil.

Das BIP ist immer noch eine wichtige Größe für wirtschaftspolitische Weichenstellungen. Wie kann es dieser Rolle gerecht werden?

Straubhaar: Es ist unstrittig, dass das BIP mit all seinen Fehlern nach wie vor den wichtigsten Indikator zur Erfassung wirtschaftlicher Aktivitäten darstellt. Es ist ebenso unstrittig, dass durch Revisionen im Vier- bis Fünfjahresrhythmus ein Teil der problematischen Punkte aufgegriffen werden. Man muss auch beachten, dass sich viele Aspekte aufheben, weil beim BIP-Wachstum Veränderungen gemessen werden: Wenn wir in diesem Jahr einen Messfehler gemacht haben und machen ihn im nächsten Jahr wieder, wird er für das gemessene Wachstum zwischen den Jahren keinen substanziellen Einfluss haben.

Das Problem ist aber, dass wir das BIP für so zentral halten. Wir sollten uns nicht dem Fetischismus der Daten unterwerfen und, weil das BIP im letzten Quartal 2018 beispielsweise um 0,2 Prozent geschrumpft ist, schon Weltuntergangsstimmung verbreiten. Mein Plädoyer ist, dass wir uns loslösen von dieser Zahlengläubigkeit.

Taugen klassische BIP-Prognosen aus Investorensicht noch als Basis für die taktische regionale Allokation?

Albert: Wenn wir uns in unserem Team mit volkswirtschaftlichen Daten beschäftigen, dann nehmen wir die BIP-Entwicklung zur Kenntnis und freuen uns, wenn wir in Unternehmen in einem positiven Umfeld investieren. Doch wir haben ganz bewusst die Entscheidung getroffen, uns vom makroökonomischen Datenkranz nicht ablenken zu lassen. Es geht für uns darum, Unternehmen zu identifizieren, die besser positioniert sind als andere, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Da spielt die wirtschaftspolitische Großwetterlage nur eine untergeordnete Rolle.

Straubhaar: Historisch war es durchaus gerechtfertigt, in Länderrisiken zu denken und zu agieren. Das würde ich jedoch heute nur noch mit Blick auf die Politik tun, siehe Venezuela. Es ist extrem wichtig, dass man das BIP nicht mehr als allgemein repräsentativ für alles nimmt, was in einem Land passiert. Unabhängig von einer allgemeinen Länder- oder auch Branchenentwicklung finden Sie Perlen, mit denen Sie als Kapitalanleger großen Erfolg haben können. 

Das Interview wurde dem private banking magazin von Lupus alpha zur Verfügung gestellt.


Über die Interviewten: 
Dr. Thomas Straubhaar ist Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg. Zwischen 1999 und 2013 war er außerdem Direktor des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts HWWI. Seine aktuellen Forschungsarbeiten zur Bedeutung des Bruttoinlandsprodukts werden gefördert von der Nordakademie-Stiftung. 

Dr. Götz Albert ist Managing Partner und Anlagechef (CIO) von Lupus alpha.