Auslaufmodell BIP? „Ökologische Schäden können zum BIP-Wachstum beitragen“

Dr. Götz Albert, Managing Partner und Anlagechef von Lupus alpha (li.), im Interview mit Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Hamburg. | © Markus Kirchgessner

Dr. Götz Albert, Managing Partner und Anlagechef von Lupus alpha (li.), im Interview mit Dr. Thomas Straubhaar, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Hamburg. Foto: Markus Kirchgessner

Als Wohlstandsindikator stand das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Anfang an in der Kritik. Doch warum ist es nun auch als Messgröße für die Wirtschaftsleistung einer Volkswirtschaft zunehmend problematisch?

Prof. Dr. Thomas Straubhaar: Im Zeitalter der Globalisierung lässt sich das „Inland“ immer weniger präzise vom Ausland abgrenzen. Mit
der Digitalisierung kommt dazu, dass nicht mehr nur physische Güter produziert werden, sondern losgelöst von Raum und „Inland“ vor allem auch Daten, die im Internet weltweit gehandelt werden. Das erschwert die Erfassung des BIP in ganz gravierender Weise.

Ein Beispiel: Als ich mein Abitur gemacht habe, gingen meine Eltern in eine Buchhandlung und haben als Anerkennungsgeschenk ein dreibändiges Lexikon erworben – und damit das BIP in die Höhe getrieben. Heute bekomme ich bei Wikipedia diese Informationen umsonst, die auch noch kostenlos erzeugt wurden. Für etwas, das früher relevant war für die Berechnung des BIP, gibt es jetzt also kostenlose Angebote, die auch in ihrer Entstehung nicht entgolten werden.

Dr. Götz Albert: Mit der Digitalisierung bekommen Daten ein immer größeres Gewicht, diese gilt es richtig zu erfassen. Es gibt Unternehmen, die sich in Daten bezahlen lassen, dafür aber auch keine direkt messbaren Kosten haben, etwa Google. Wir als Nutzer verkaufen diese Daten nicht, wir geben sie preis. Das erscheint nicht als Position in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Der blinde Fleck durch die Digitalisierung wird immer gravierender.

Welche Rolle spielt die Sharing Economy?

Albert: Auch der wohlstandsmehrende Effekt der Sharing Economy findet im BIP keinen richtigen Niederschlag. Es wird nur die Produktion eines langlebigen Wirtschaftsguts gemessen und vollkommen außer Acht gelassen, dass durch Sharing Economy eine viel höhere Ausnutzung stattfinden kann: Ein einmal gekauftes Auto entfaltet dann eine ganz andere Nutzenwelt. Die gemeinsame Nutzung von Produkten, etwa im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, gab es zwar schon immer, in der neuen Plattformökonomie hat man aber ganz andere Stückzahlen.

Manche Produkte haben sich außerdem in einer Art und Weise verändert, dass sie ihren eigentlichen Charakter aufgegeben haben: Früher war ein Automobil ein reines Produkt, um mobil zu sein. Heute positionieren die Autohersteller ihre Produkte auch über deren Fähigkeit, sich mit dem Internet und anderen Verkehrsteilnehmern zu verbinden – Konnektivität ist ein relevanter Wettbewerbsfaktor.

Straubhaar: Dazu passt eine aktuelle Diskussion: Einige Nobelpreisträger unseres Fachs haben große Angst vor einer sekulären Stagnation, da die Produktivitätsfortschritte in Amerika, aber auch in Deutschland im Laufe der Zeit geringer geworden sind. Sollte jedoch kein Produktivitätsproblem vorliegen, sondern ein Messproblem, dann sind die politischen Konsequenzen völlig andere. 

Zum Thema veränderter Charakter von Produkten: Wenn das Auto seinen Preis verdoppelt, dann würden wir in Europa sagen, dass dies ein rein nominaler Effekt ist, real ist ein Auto immer noch ein Auto. Wenn das Auto aber nicht mehr nur ein Auto ist, sondern ein Wohlfühlgerät, dann handelt es sich um einen realen Effekt. Dieser Punkt ist in Europa nahezu vollständig vernachlässigt worden und spielt in Amerika eine ganz wichtige Rolle: die hedonische Preismessung.