Gespräch mit Mohamed El-Erian „Investoren sollten jede einzelne Position ihres Portfolios prüfen“

Mohamed A. El-Erian: Ab Oktober dieses Jahres steht der 61-Jährige als Präsident dem Queens’ College der Cambridge University vor, an der er selbst studiert hat. | © Annika List für Lupus alpha

Mohamed A. El-Erian: Ab Oktober dieses Jahres steht der 61-Jährige als Präsident dem Queens’ College der Cambridge University vor, an der er selbst studiert hat. Foto: Annika List für Lupus alpha

Herr El-Erian, vor sechs Jahren haben Sie die Finanzwelt mit ihrem Rückzug von der Pimco-Spitze überrascht – von einem Unternehmen, das als eines der Top-Fixed-Income-Manager gilt. Wie ist es Ihnen seitdem ergangen?

Mohamed A. El-Erian: Ich habe Pimco verlassen, weil das Zusammenspiel zwischen Arbeit und Privatleben nicht mehr im Gleichgewicht war. Diese Veränderung ermöglichte mir, mehr Zeit mit meiner Tochter zu verbringen. Die Entscheidung ist mir nicht leichtgefallen. Doch hat sie sich als die beste herausgestellt, die ich für meine Beziehung zu ihr treffen konnte. Ich habe mich sehr privilegiert gefühlt.

Sie sind einer der meistgeachteten Investoren der Welt. Wenn Sie anschauen, wie wir derzeit gegen die Ausbreitung des Corona-Virus kämpfen, was sorgt Sie am meisten?

El-Erian: Die Gefahr, dass sich der kurzfristige Schaden der Wirtschaft und Gesellschaft zu einem langfristigen, strukturellen Schaden entwickelt. Wenn ich von Schaden spreche, meine ich alles: Angefangen von Liquiditätsengpässen von Unternehmen, die sich dann zu Solvenzproblemen auswachsen, Pleiten verursachen sowie strukturelle Arbeitslosigkeit auslösen, über eine gesellschaftliche Zweiteilung, da die schwächsten Gruppen der Weltbevölkerung am stärksten leiden, bis hin zu einer starken Konzentration in der Wirtschaft nach Covid-19.

Was können wir tun, um wieder aus dieser Krise herauszukommen?

El-Erian: Vieles hängt davon ab, wie wir mit dieser Herausforderung umgehen. Nicht nur unsere gegenwärtige Generation, sondern auch die nachfolgende. Wir laufen Gefahr, dieselben Fehler zu wiederholen, die wir in der Finanzkrise 2008 gemacht haben. Damals haben wir zwar die Depression besiegt, doch ist es uns nicht gelungen, ein hohes, nachhaltiges Wirtschaftswachstum, an dem alle Gesellschaftsschichten teilhaben, zu etablieren und zu sichern. Von der wirtschaftlichen Seite ist dieser Frieden nun durch drei Faktoren bedroht: geringere Produktivität, eine weniger dynamische Nachfrage und eine höhere Verschuldung.

Wie wird die globale Wirtschaft nach der Corona-Krise aussehen?

El-Erian: Die Lieferketten der Wirtschaft werden neu zusammengesetzt werden. Weniger global, stärker fokussiert auf den Heimatmarkt. Denn die Unternehmen haben die Lektion aus der Corona-Krise gelernt und werden ihre Widerstandskraft höher priorisieren als Effizienz. Folglich machen diese neuen Lieferketten die Wirtschaft auf kurze Sicht weniger produktiv. Dies ist Teil eines Langzeittrends in Richtung Deglobalisierung. Denn die Corona-Krise ist bereits der dritte Schock in nur zehn Jahren. Die anderen beiden Schocks waren die Marginalisierung von Bevölkerungsgruppen und der Handelskrieg zwischen den USA und China.