Georg Graf von Wallwitz „KI gibt keine Antwort auf das Warum“

Georg Graf von Wallwitz: „KI bietet Raum für clevere Investoren, besser zu sein als die Maschine“. | © Piotr_Banczerowski

Georg Graf von Wallwitz: „KI bietet Raum für clevere Investoren, besser zu sein als die Maschine“. Foto: Piotr_Banczerowski

private banking magazin: Gab es für Sie beim Thema KI einen Heureka-Moment?

von Wallwitz: Ein Freund aus Studientagen war als Software-Ingenieur bei IBM und schenkte meinem damals 14-jährigen Sohn ein Buch über Python. Das ist die Sprache, in der die meisten KI-Anwendungen programmiert werden. Ich habe es mir selbst geschnappt und beim Lesen schnell begriffen, dass KI ein wichtiges Thema ist, das sich zudem auch ohne großen Aufwand verstehen lässt.

Nicht wenige Menschen gruseln sich vor der Entwicklung. Sie auch?

von Wallwitz: Künstliche Intelligenz kann Prozesse vereinfachen und lässt standardisierbare Jobs wie das Häkchen-Setzen von Wirtschaftsprüfern verschwinden. Gruselig ist allenfalls der Gedanke an militärische Einsatzmöglichkeiten. Mit Blick auf den Überwachungsstaat, wie ihn gerade China erprobt, ist weniger die KI als die Digitalisierung insgesamt das Thema. Der Mensch hat den Staat aber noch immer ausgetrickst. Ich bin ganz optimistisch, dass dies auch in Zukunft gelingt.

Sehen Sie auch Grenzen beim Einsatz?

von Wallwitz: KI zeichnet sich dort aus, wo sie Probleme löst, für die es keine herkömmlichen Programme zu geben scheint. Wie soll man beispielsweise Gesichtserkennung programmieren? Und sie spart Zeit. Ist die Technik für ein Rechtschreibprogramm entwickelt, braucht es nur noch die Daten anderer Sprachen, um auch auf diese angewendet werden zu können. KI ist eher eine Naturwissenschaft als eine exakte, mathematische Wissenschaft. Es geht um Beobachtungen, die Arbeit mit Experimenten und Statistiken, die ein anderes Nachdenken ermöglichen.

Was KI nicht kann ist Kreativität: Sie kann sich keine neuen Muster ausdenken oder alte Muster aufbrechen. Es mangelt ihr damit heute an wesentlichen Funktionen, die den kognitiven Apparat des Menschen auszeichnen – etwa zu planen, zu argumentieren oder sich selbst zu beobachten. Sie hat keinen Willen, keinen Glauben, keine Aufmerksamkeit. Der Algorithmus versteht nicht, was die Muster generiert, deren Existenz er herausfiltert. Er stellt nur fest, dass es sie gibt, nie aber warum. Wir haben es derzeit mit Deep Learning zu tun, nicht mit Deep Understanding. Dieser Unterschied ist nicht zu unterschätzen.

Eine Frage an den Philosophen und auch etwas an den Moralisten in Ihnen: Darf der Mensch diese Entwicklung aus diesem Blickwinkel überhaupt vorantreiben?

von Wallwitz: Ja, er darf. Aber er muss sich dabei die ganze Zeit darüber im Klaren sein, dass auch hier, wie bei jedem neuen Instrument, die Grenzen der Moral gelten. Der Mensch legt die Verantwortung für sein Tun nie ab. Sie bleibt stets bei ihm. Die Entwicklung der Technologie findet größtenteils in Asien und den USA statt. Verschlafen Europa und Deutschland einen entscheidenden Fortschritt? von Wallwitz: In der Praxis wird Deutschland abgehängt. Auf der theoretischen Ebene haben wir aber einige gute Zentren wie das Fraunhofer Institut, die zur KI forschen. Zugleich gibt es hierzulande jedoch ein hohes Niveau beim Datenschutz, wodurch der wesentliche Rohstoff für die Entwicklung von KI nicht in dem Maße zur Verfügung steht wie in den USA oder China.