Digitales Ökosystem als Hygiene-Faktor Innovationswillige Privatbanken können auf Marktvorteile hoffen

Memo Dener ist Gründer und Chef von des Schweizer Analysehaus Axeed. | © Axeed

Memo Dener ist Gründer und Chef von des Schweizer Analysehaus Axeed. Foto: Axeed

Digitalisierung ist das Stichwort, das nicht erst seit gestern in der Finanzindustrie allgegenwärtig ist. In Zeiten von Corona wird diese von einer wünschenswerten Entwicklung jedoch zur unverzichtbaren Notwendigkeit. Die derzeitige Krisensituation sollten Privatbanken zu einer Bestandsaufnahme nutzen, um den täglichen Arbeitsablauf auf den Prüfstand zu stellen. Denn die Auswirkungen der Pandemie werden uns alle langfristig und nachhaltig beeinflussen.

Genau darin liegt jedoch die große Chance für längst nötige Veränderungen. So können insbesondere diejenigen jetzt aktiver werden, die immer von der Digitalisierung und neuen kollaborativen Arbeitsformen gesprochen, sich in der Realität aber nie richtig damit befasst haben. Sie sollten die Lockdown-Phase nutzen, um in digitale Technologien zu investieren, die künftig im Arbeitsalltag für die Mitarbeiter und auch für den Kunden zum Dreh- und Angelpunkt werden.

Bislang liegt die Achillesverse vieler Banken noch in der mangelnden und ineffizienten Nutzung und Vernetzung von Daten: Das schließt sowohl innerhalb des Finanzinstituts vorliegende (strukturierte) als auch externe Daten aus dem Internet, Netzwerken von Firmen und Kundeninformationen oder den Anschluss an Ortsanalyse-Systeme ein. Gerade letztere unstrukturierte Daten werden bislang nur von wenigen Marktteilnehmern systematisch und automatisiert genutzt.

Der Grund dafür ist, dass man ein Großteil dieser Daten mit herkömmlichen Analyse-Instrumenten schlecht aufbereiten kann. Dabei lässt sich beispielsweise aus Informationen aus dem Internet und tagesaktuellen News relevanter Kontext für spezifische Anwendungsfälle erstellen, um Kontakt- und Verkaufschancen bei potenziellen Kunden rechtzeitig zu nutzen. Was hierzu nötig ist, ist der Aufbau einer zentralisierten Business-Intelligence-Anwendung, die für die gesamte Bank einen allgemeingültigen Datenbestand bildet, der den Anspruch hat, korrekt zu sein und auf den man sich verlassen kann - der sogenannte Single Point of Truth.

Investitionen in ein solches digitales Ökosystem und die Fähigkeit, diese und die eigenen Daten zu mobilisieren und aussagekräftige Insights abzuleiten, werden immer stärker zu einem Wettbewerbsfaktor, gerade wenn es um Compliance und Marktbearbeitung geht. Jederzeit transparente Darstellungen, keine Medienbrüche und ein schneller Go to Market werden im Markt Nach- und Mit-Corona branchenweit mehr Hygiene-Faktor denn digitale Revolution sein.

Ganz in diesem Sinne wird auch der Bereich Predictions massiv an Bedeutung gewinnen, wobei wir hier wir Einsatz künstlicher Intelligenz sprechen – als breiter Trend aber auch insbesondere in einer Phase von Marktumbrüchen wie der jetzigen. Unter den Stichworten Machine- und Deep-Learning sowie Advanced & Community Analytics verstehen wir Ansätze, um Vorhersagen zu Vermögensentwicklung, Firmen-Attraktivität oder Net-promoter-Indikationen zu treffen, die für Anwendungsfälle im Wealth Management und Private Banking Erkenntnisse und Aktionsempfehlungen für Berater bringen. Wenn man sich vor Augen führt, dass Relationship-Manager in der Finanzindustrie heute 65 Prozent ihrer Arbeitszeit mit zeitraubenden Administrationsaufgaben und Informationsgenerierung verbringen, sieht man das Potential für Privatbanken aus dem intelligenten Einsatz solcher Technologien in der Marktbearbeitung – gerade vor dem Hintergrund sinkender Margen und steigendem Kostendruck.