Debatte unter Ökonomen Langfristig droht Stagnation

Karl-Heinz Thielmann ist Vorstand von Long-Term Investing Research.  | © Long-Term Investing Research

Karl-Heinz Thielmann ist Vorstand von Long-Term Investing Research. Foto: Long-Term Investing Research

Im Sommer konnte man ein Interview mit dem ehemaligen Vize-Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Vitor Constancio, im Magazin „Der Spiegel“ lesen, in dem er erklärte, was seiner Ansicht nach falsch läuft in dieser Welt: „In den entwickelten Volkswirtschaften herrscht ein Mangel an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage – oder anders ausgedrückt: ein Überschuss an Ersparnissen gegenüber geplanten Investitionen.“

Seiner Erkenntnis nach leben wir in Zeiten der sogenannten säkularen Stagnation, einer sich schleichend entwickelnden Dauerkrise. Und weil wir unbelehrbaren Europäer immer mehr und mehr sparen, müssen wir damit leben, dass die Zinsen negativ sind und noch weiter sinken.

Nicht nur Vitor Constancio, sondern auch viele andere prominente Ökonomen – wie zum Beispiel der ehemalige US-Finanzminister Lawrence Summers – vertreten schon seit Längerem die Ansicht, dass wir uns in einer Phase schleichenden und strukturellen Niedergangs befinden, weil es zu wenig Nachfrage gibt. An den Finanzmärkten gibt es ebenfalls viele Akteure, die dies glauben.

Am profiliertesten ist Albert Edwards, Anlagestratege bei Societe Generale, der schon vor über 20 Jahren seine „Eiszeit“-Hypothese formulierte. Er postulierte, dass sich die gesamte globale Wirtschaft in eine ökonomische Erstarrung hineinbewegen würde, die ähnlich verlaufen solle, wie die Stagnation Japans seit den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das globale Wachstum friere langfristig quasi ein. 

Unterstützt wird die Idee eines strukturellen Niedergangs durch die Beobachtung, dass die Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes in allen entwickelten Industrieländern in den vergangenen zwei Jahrzehnten relativ gering gewesen sind. Die jüngste Erholungsphase der Eurozone bis 2018 war so anämisch, dass man außerhalb von Deutschland kaum ernsthaft von Aufschwung sprechen konnte. Ebenfalls fehlte das für frühere Expansionsphasen typische Anziehen der Inflationsraten.

Der Einbruch bei der Industrie im momentanen Abschwung hingegen fiel heftig aus. Und was als besonders schlimm empfunden wird: Die Investitionsausgaben in Sachkapital verharren auf einem historisch geringen Niveau. Doch stimmt die Diagnose der säkularen Stagnation beziehungsweise ökonomischen Eiszeit für die heutige wirtschaftliche Situation überhaupt?

Die zweite Karriere einer spektakulären Fehldiagnose

Der Begriff der säkularen Stagnation geht auf den US-Ökonomen Alvin Hansen zurück. Im Jahr 1934 sagte er den USA eine dauerhafte wirtschaftliche Schwäche voraus, weil er nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 nicht an eine wirkliche Erholung glaubte. Gründe hierfür waren nach seiner Ansicht sinkende Innovationskraft sowie nachlassendes Bevölkerungswachstum.

Wie wir inzwischen wissen, kam es völlig anders: Die USA konnten sich nicht nur aus der Krise befreien, sondern entwickelten sich sogar zur dominanten Wirtschaftssupermacht. In den zwei Dekaden nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer beispiellosen Geburtenwelle, weshalb die Angehörigen dieser Generation auch als „Baby-Boomer“ bezeichnet werden. Weiterhin lösten Fortschritte in der Unterhaltungselektronik (Fernsehen, Radio), Verkehrstechnik (Auto und Flugzeug als Massenverkehrsmittel, Einführung Container für Schiffstransporte) sowie Petrochemie (Plastik) einen gewaltigen Wachstumsschub aus.