Debatte unter Ökonomen Langfristig droht Stagnation

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Die Idee der säkularen Stagnation entpuppte sich als eine der spektakulärsten Fehldiagnosen der Wirtschaftsgeschichte. Jahrzehntelang sah es deshalb so aus, als ob sie tief unten in der Mottenkiste gescheiterter ökonomischer Ideen beerdigt sein würde. 

Und auch wenn viele Ökonomen heute von ihrer Richtigkeit überzeugt sind, so traut sich doch kaum jemand, dies so offen wie Vitor Constancio auszusprechen. 2017 mahnte noch sein Ex-EZB-Kollege Peter Praet auf einer Konferenz zum Thema „Säkulare Stagnation und Wachstumsmessung“, diesen Begriff nur sehr vorsichtig zu verwenden.

In den vergangenen Jahren gab es jedoch drei Entwicklungen, die zu der Neubelebung der Idee der säkularen Stagnation führten:

1) Die lockere Geldpolitik nach der Finanzkrise hatte zwar den Kollaps der Weltwirtschaft verhindert, konnte aber nur wenig zu einer Wiederbelebung beitragen. Insbesondere die Investitionen in Kapitalgüter – die nach traditionellem ökonomischem Verständnis von niedrigen Zinsen hätten angeregt werden müssen – haben sich nach wie vor nicht auf das Vorkrisenniveau erholt.

2) Das praktische Beispiel der japanischen Volkswirtschaft, die sich – was Albert Edwards ausführlich thematisiert hat – seit rund 30 Jahren ähnlich zu entwickeln scheint, wie es die Theorie säkularer Stagnation vorhersagte.

3) Die Untersuchungen des US-amerikanischen Ökonom Robert J. Gordon, der Belege dafür gesammelt hat, dass die Annahmen von Alvin Hansen (mangelnde Innovationskraft, ungünstige demografische Entwicklung) heutzutage in den wichtigsten Industrienationen doch erfüllt sind.

Da es sich bei Robert J. Gordon seit Jahrzehnten um einen der profiliertesten Ökonomen und speziell um einen Experten für Wachstum handelt, werden seine Thesen insbesondere in akademischen Kreisen ernst genommen. Und tatsächlich scheint Gordon auf den ersten Blick sehr überzeugende Belege dafür zu haben, warum entwickelte Volkswirtschaften in den nächsten Jahren strukturell niedriger wachsen sollen: 

Die Wachstumsraten für Produktivität in den führenden Volkswirtschaften sind sukzessive zurückgegangen: Alle großen Industrieländer haben seit einigen Jahren eine im historischen Vergleich stark unterdurchschnittliche Zunahme der Produktivität. So betrug beispielsweise das jährliche Produktivitätswachstum in den USA von 1988 bis 2010 im Durchschnitt 2,4 Prozent, zwischen 2011 und 2018 aber nur noch 0,7 Prozent. 

Zeitreihe: Arbeitsproduktivität im privaten Non-Farm Business Sector
Quelle: Federal Reserve Bank of St. Louis, US Bureau of Labor Statistics 

Gordon und andere Vertreter der Theorie der säkularen Stagnation sehen als Haupterklärung hierfür eine allgemein gesunkene Innovationskraft an. Technischer Fortschritt durch Digitalisierung sei zwar noch da, würde sich aber nicht mehr so stark wie früher in verbesserter Effizienz niederschlagen.