Digitales Zentralbankgeld „Mehr politische als ökonomische Risiken“

Dirk Niepelt von der Universität Bern

Dirk Niepelt von der Universität Bern: „Digitales Zentralbankgeld für alle könnte die Geldarchitektur dramatisch verändern.“ Foto: Markus Kirchgessner

Herr Niepelt, am Thema Kryptowährungen scheiden sich die Geister, für die einen ist es die Zukunft schlechthin, für die anderen Teufelszeug. Nun planen die großen Notenbanken die Einführung von digitalem Zentralbankgeld CBDC (Central Bank Digital Currency). Was sind Ihrer Einschätzung nach die Treiber?

Dirk Niepelt: Hauptsächliche Treiber sind die Entwicklungen bei den privaten Kryptowährungen. Die Notenbanken sind eher Getriebene. Sie lehnen Kryptowährungen weitgehend ab und verurteilen sie sogar als „Massenvernichtungswaffen“. Vor 2019 unterschieden viele kaum zwischen echten Kryptowährungen wie dem Bitcoin und den an klassische Währungen gebundenen Stablecoins. Als Facebook dann die Pläne für Libra vorstellte, läuteten die Alarmglocken. Die EZB will einen digitalen Euro, in den USA schwindet der Widerstand gegen einen digitalen Dollar und in China war ein Prototyp des digitalen Yuan bereits im Testlauf.

Welche Folgen hätte CBDC für das Geldsystem? Würden sich durch die ­Einführung dieser dritten Form von Zentralbankgeld – neben Bargeld und Reserven – die geldpolitischen Möglichkeiten verändern?

Niepelt: Das hängt von der Ausgestaltung ab. Beschränkte man sich auf Wholesale- CBDC, würde am heutigen zweistufigen Geldsystem nicht gerüttelt. Weiterhin hätten nur Banken auf digitales Zentralbankgeld ­Zugriff. Aber sie könnten Transaktionen effizienter untereinander abwickeln. Bei einem Wertpapierverkauf zum Beispiel könnte die Zahlung unmittelbar mit CBDC auf einer Blockchain erfolgen, vielleicht ließen sich ­sogar grenzüberschreitende Transaktionen vereinfachen. Banken haben daher ein großes Interesse an Wholesale-CBDC.

 

 

 


Mit Retail-CBDC erhielten auch Haushalte und Unternehmen Zugang zu digitalem Zentralbankgeld, entweder mit einer Art Konto bei der Notenbank oder auf einer Blockchain oder über ihre Hausbank, die CBDC-Konten für die Kunden außerhalb der Bankbilanz führen würde. Das zweistufige Geldsystem würde dadurch infrage gestellt und die Transmissionsmechanismen der Geldpolitik würden direkter und gegebenenfalls stärker. Die EZB plant derzeit die Einführung von Retail-CBDC mit einer Obergrenze von wenigen Tausend Euro pro Person. Ob dies auf Nachfrage stieße und bedeutende Auswirkungen hätte, ist unklar.

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Banken sind heute wichtige Akteure der Geldschöpfung. Wäre das Geschäftsmodell der Banken nicht infrage gestellt in einer Welt mit Retail-CBDC ohne Restriktionen?

Niepelt: Wenn Sparer Retail-CBDC statt Bankeinlagen hielten, könnten Banken in der Tat kein Geld mehr schöpfen. Sie müssten sich anderweitig finanzieren. Ihre Finanzierungskosten dürften also steigen, wenn sie ­einen Einlagenabfluss vermeiden wollten. Ein „Loch“ in den Bankbilanzen entstünde aber nicht einmal in einem Extremszenario, in dem Sparer ihre Einlagen von einer Bank ohne Reserven abziehen und in CBDC umtauschen wollten: Sollte die EZB die eingehende Überweisung akzeptieren, würde sie die Bank damit automatisch refinanzieren

Welche Risiken und Chancen ­sehen Sie für Retail-CBDC? Ich kann mich erinnern, dass sich in der Finanzkrise viele Unternehmen ein Notenbankkonto gewünscht hätten.

Niepelt: In der Tat könnte sicheres staatliches digitales Geld für Unternehmen und Haushalte attraktiv sein, sofern die Verzinsung stimmt. Auch die Finanzstabilität könnte profitieren, denn nach einem weitgehenden Systemwechsel zu Retail-CBDC wären Banken weniger fragil und müssten auch weniger stark reguliert werden. Ihre Finanzierungskosten könnten aber wie erwähnt ­steigen. Daneben gäbe es politische Risiken. Die aufgrund der CBDC-Herausgabe ver­längerte Zentralbankbilanz könnte zu noch mehr Versuchen politischer Einflussnahme führen. Meiner Einschätzung nach könnten diese politischen Risiken größer sein als die makroökonomischen.