DZ-Bank-Analyst über Bitcoin und Co. Geldpolitik und Terra-Kollaps setzen Kryptowährungen zu

Bitcoin-Automat in Einkaufszentrum in Singapur

Bitcoin-Automat in Einkaufszentrum in Singapur: Das Vertrauen der Anleger in Kryptowährungen könnte weiter schwinden, sagt DZ-Bank-Analyst Sören Hettler. Foto: Imago Images/ Xinhua

Der Mix aus höheren (Leit-)Zinsen und wirtschaftlichen bzw. fiskalischen Unsicherheiten trübt die Stimmung an den internationalen Finanzmärkten und belastet damit die unter Investoren weiterhin als riskant geltenden Kryptowährungen. Der Druck auf die Verbraucherpreise bleibt weltweit unerfreulich hoch. Anstatt einer Stabilisierung auf hohem Niveau ging es bei den Inflationsraten im Mai sowohl in den USA als auch im Euroraum noch einmal bergauf.

Den betroffenen Zentralbanken bleibt kaum eine andere Wahl, als mit einer deutlich restriktiveren Geldpolitik gegenzusteuern, wollen sie ihre Reputation nicht (noch weiter) aufs Spiel setzen. Dies hat die EZB-Ratssitzung vergangene Woche deutlich gemacht. Sowohl für die Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank werden marktseitig mittlerweile dynamisch ansteigende Leitzinsen im weiteren Jahresverlauf erwartet. Die Kehrseite dieser Medaille sind zunehmende Rezessionssorgen für die US-Wirtschaft und Befürchtungen, einige hochverschuldete Euro-Länder könnten aufgrund steigender Renditen Schwierigkeiten bei der Refinanzierung ihrer Verbindlichkeiten bekommen.

Steigende globale Risikoaversion und verunsicherte Krypto-Investoren

Hinzu kommen hausgemachte Probleme des Segments. Im Mai kollabierte der Stablecoin TerraUSD, aktuell droht die Insolvenz des Unternehmens Celsius Network. Auf dieser Plattform können Kryptowährungen angelegt und Kredite aufgenommen werden. Zum Wochenanfang gab Celsius Network bekannt, dass alle Abhebungen und Transaktionen vorerst „pausiert“ werden. Gläubiger haben folglich derzeit keinen Zugriff auf ihre Einlagen. Vertrauensbildende Maßnahmen sehen anders aus.

Resultat dieser eingetrübten Vorgaben sind ein Segment, dessen Marktkapitalisierung erstmals seit Anfang letzten Jahres wieder unter die 1-Billion-Dollar-Grenze gerutscht ist, und eine weltweit führende Kryptowährung, deren Kurs mit rund 23.000 US-Dollar auf den niedrigsten Stand seit Ende 2020 nachgegeben hat. Anders als noch Mitte Mai konnte auch die bis zuletzt als psychologisch wichtig geltende Marke von 25.000 US-Dollar die Abwärtsbewegung nicht aufhalten. Allein seit Ende März hat sich der Bitcoin-Kurs in etwa halbiert. Vom Rekord im vergangenen November ist gerade mal noch ein Drittel des Wertes übriggeblieben.

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Frühere Zyklen dynamischer – und mit höherem „Restwert“

Auf der Habenseite bleibt aus Sicht der führenden Kryptowährung zwar festzuhalten, dass sich der momentane Kurs weiterhin oberhalb der Niveaus vom Herbst 2020 bewegt, als die vor allem im letzten Jahr zu beobachtende Rallye ihren Ausgang nahm. Verglichen mit früheren Zyklen, also ausgeprägten Auf- und anschließenden dynamischen Abwärtsbewegungen, fällt der Abstand zum Ausgangsniveau aber alles andere als üppig aus. Die vorletzte Kursrally fand im Dezember 2017 mit einem damals neuen Allzeithoch bei rund 19.000 US-Dollar ihren Höhepunkt. Danach ging es zwar stramm bergab. Allerdings fiel die Kryptowährung in der Folge nicht mehr unter 3.000 US-Dollar – immerhin rund das Vierfache des Niveaus, das Ende 2016 als Ausgangspunkt für die damalige dynamische Aufwärtsbewegung diente.

Noch gravierender ist die Bilanz aus dem Jahr 2013. Ausgehend von etwas mehr als 12 US-Dollar legte der Kurs binnen eines Jahres auf über 1.100 US-Dollar zu. Ende 2014, also etwa zwölf Monate nach diesem Rekordwert, waren es immerhin noch fast 300 US-Dollar. Zwar ging es in den Jahren danach zeitweise noch etwas weiter bergab. Zu jedem Zeitpunkt nach der Kursrallye hatte der Bitcoin das Ausgangsniveau aber mindestens verzwölffacht.

Fazit

Die in den vergangenen Jahren etablierte Tradition, wonach der Bitcoin-Kurs nach einem Boom-Bust-Zyklus deutlich oberhalb des Niveaus anzutreffen ist, das vor der zugehörigen Rallye zu beobachten war, hält zwar bislang noch, gerät aber ins Wanken. Sollte die führende Kryptowährung damit brechen, würde dies das Vertrauen der Investoren wohl weiter belasten. Schließlich war und ist diese Tradition ein bedeutendes Argument zugunsten eines langfristigen Engagements im Krypto-Segment.


Über den Autor:
Sören Hettler ist seit zehn Jahren als Analyst bei der DZ Bank tätig. Seit Anfang 2015 ist er stellvertretender Gruppenleiter des für Devisen zuständigen Teams.