Interview mit Neu-Schroders-Fondsmanager Steve Cordell „Deflation kann auch gut sein“

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Steve Cordell Foto: Constanze Ullmann

Herr Cordell, was war Ihr erster Gedanke als Sie erfuhren, dass Schroders Cazenove übernimmt?
Steve Cordell: Ich war überrascht, da ich gar keine Gerüchte gehört hatte. Aber dann hat es mich gefreut. Das Risiko bei solchen Übernahmen ist, dass die Firmenkulturen nicht zusammenpassen. Bei Schroders habe ich dieses Risiko gar nicht gesehen. Beide Häuser haben eine familienbasierte Geschichte und auch die gleichen Werte, wenn es um die Vermögensverwaltung geht.

Hat sich Ihre Arbeit als Fondsmanager seit der Übernahme in irgendeiner Form verändert?
Ich habe ein wenig mehr damit zu tun, die Fonds zu vermarkten. Vom Investmentprozess her ist aber alles beim Alten geblieben. Unser Team arbeitet unter dem Schroders-Dach selbstständig weiter.

Eine der Besonderheiten Ihrer Fonds ist der sogenannte Business-Cycle-Ansatz. Was macht diese Strategie aus?
Wir untersuchen zunächst, in welchem Konjunkturzyklus wir uns derzeit befinden. Das entscheidet dann über die Aktien, die wir für das Portfolio auswählen. In einer Abschwungphase zum Beispiel entwickeln sich defensive Werte wie Unilever und GlaxoSmithKline gut, in der Hochkonjunktur sind es eher zyklische Rohstoffe, denken Sie hier zum Beispiel an Rio Tinto, und zyklische Konsumgüter. Worauf es hierbei vor allem ankommt, ist, die Übergangspunkte zwischen den einzelnen Phasen rechtzeitig auszumachen. Dafür brauchen Sie gute Leute mit einem guten Urteilsvermögen.

Und wo im Konjunkturzyklus befinden wir uns gerade?
Das kommt natürlich darauf an, welches Land Sie sich anschauen. Der Konjunkturzyklus in Deutschland war in den vergangenen drei Jahren zum Beispiel stärker als in allen anderen europäischen Ländern. Das liegt zum einen am starken Exportwachstum. Hier profitierte Deutschland von der Nachfrage aus den Emerging Markets, die bis vor einem Jahr noch recht stark war. Im Moment schwächt sich dieser Treiber wegen des stärkeren Euros und der Schwäche der Schwellenländer aber etwas ab. Dafür ist der Binnenkonsum in Deutschland recht stark, weil die Arbeitslosigkeit gesunken ist. Das ist in Frankreich und den Benelux-Staaten zum Beispiel ganz anders.

Inwiefern?
Der Binnenkonsum kommt nicht mal ansatzweise an die deutsche Stärke heran. Das liegt am niedrigeren Verbrauchervertrauen, was wiederum von einer stagnierenden  Arbeitslosigkeit herrührt. Die Regierungen dieser Länder haben einfach noch nichts unternommen, um ihr Land wettbewerbsfähiger zu machen. Dementsprechend liegen sie im Konjunkturzyklus weiter zurück und erholen sich noch von der Rezession.

Wie sieht es in den Peripherie-Staaten aus?
Spanien hat einiges unternommen, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen – die Löhne wurden zum Teil deutlich nach unten korrigiert. Die Arbeitslosigkeit ist dadurch zwar nur leicht gesunken, für Spanien ist das aber ein wesentlicher Schritt - bisher ist die Arbeitslosigkeit nämlich nur gestiegen. Das hat dort einen entsprechend starken psychologischen Effekt, das Verbrauchervertrauen hat sich spürbar verbessert. Spanien erzielt derzeit ein Wachstum, das über den Erwartungen liegt. Italien bewegt sich in die gleiche Richtung wie Spanien, hinkt aber ein wenig hinterher.

Woran liegt das?
Es hat länger gedauert hat, bis die politischen Reformen angestoßen wurden. Das Thema Lohnkosten wird dort gerade erst angegangen. Zusätzlich ist das Bankensystem dort nur schwach kapitalisiert, Spanien hat den Rekapitalisierungs-Prozess dagegen bereits vor zwei Jahren angestoßen. Spanien befindet sich also bereits mitten in der Expansionsphase, während Italien gerade erst in diesen Bereich vordringt.

Welche Aktien schauen Sie sich jetzt näher an?
Wir konzentrieren uns auf Unternehmen vor Ort, die von der Erholung profitieren. Dazu gehören etwa Automobil-Aktien – Renault wäre ein Beispiel aus Frankreich. Wir mögen aber auch Banken – dieses Jahr eher aus Italien, weil die Bewertungen dort gut sind. Im vergangenen Jahr waren wir in diesem Bereich eher in Spanien unterwegs. Banca Intesa ist etwa eine Position, die wir stark ausgebaut haben in diesem Sektor. Eine weitere wichtige Gruppe sind Telekom-Titel. Nach Jahren der negativen Regulierung bildet sich hier nun ein Boden, was die Ertragsprognosen angeht. Telecom Italia war eine unserer größeren Wetten in diesem Jahr.

Was kaufen Sie in Deutschland?
Siemens. Dabei handelt es sich um eine klassische Restrukturierungsgeschichte. Vorstandschef Joe Kaeser hat die Aufgabe, das Unternehmen wieder auf das Kerngeschäft zu fokussieren beziehungsweise erst einmal festzulegen, was überhaupt zu den Kernbereichen von Siemens gehört. Wir denken, das geht in die richtige Richtung. Deutschland hat in Sachen Wettbewerbsfähigkeit ja einiges geschafft. Aber einige Unternehmen, die Dinosaurier der deutschen Wirtschaft, sind dabei noch nicht wirklich mitgezogen. Aber das ändert sich gerade.

Welche Titel würden Sie im Moment nicht anfassen?
Nun, wir sind keine Fans von Unternehmen, die noch einen großen Emerging-Market-Fokus haben. Wir glauben, dass das Wachstum dort erst einmal niedrig bleiben wird. Das liegt zum Beispiel daran, dass die amerikanische Zentralbank Fed im nächsten Jahr plant, die Leitzinsen wieder zu erhöhen. Das wird sich negativ auf den Ausblick für die Schwellenländer für 2015 auswirken beziehungsweise sehen wir keinen Grund, dass sich das Wachstum dort im kommenden Jahr wieder verstärken wird. Ganz im Gegensatz zum Wirtschaftswachstum in Europa, das wir im kommenden Jahr bei bis zu 2 Prozent sehen.

Was sagen Sie zur jüngsten EZB-Entscheidung?
Die jüngste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank unterstreicht ihr Engagement, die Zinsen für eine weitere Zeit auf niedrigem Niveau zu halten. Für Banken bedeutet das, dass sie sich bis 2018 extrem günstig Geld leihen können.  

Ist Deflation ein Problem?
Es mag Bedenken wegen einer Deflation geben. Aber ich glaube, dass die recht hohe Deflation etwa bei den Löhnen in Griechenland dazu beigetragen hat, dass diese Länder ein Stückweit aus der Krise herausgekommen sind. Deflation kann gut oder schlecht sein, je nach Blickwinkel. Europäische Unternehmen profitieren zum Beispiel gerade eher über die sinkenden Rohstoffpreise. Das erhöht die Marge. Das wurde bisher komplett übersehen.