Interview mit Michael Hasenstab „In Indien hat sich viel getan“

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Ist Indien ein Einzelfall in der Region oder schaffen auch andere Ländern Wachstumsvoraussetzungen?

Hasenstab: In den letzten 20 Jahren hat sich in der Region viel getan. Es zeigt sich, dass die beeindruckenden Veränderungen der vergangenen 20 Jahre von den Lehren angestoßen worden sind, die aus der Asienkrise gezogen wurden.

Die meisten führenden politischen Entscheidungsträger der Region durchlebten diese Finanz- und Wirtschaftskrise und setzten in den vergangenen beiden Jahrzehnten viel daran, die Politik so zu gestalten, dass ein ähnlicher Rückschlag ausgeschlossen bleibt.

Zudem haben wir erhebliche strukturelle Verbesserungen in Ländern wie Indonesien beobachten können, in denen meiner Einschätzung nach die Wahrscheinlichkeit einer mit der damaligen Asienkrise vergleichbaren Finanzkrise sehr gering ist. Sichergestellt wird dies durch umsichtige Haushaltspolitik, weitsichtige Wachstumspolitik und verlässliche Geldpolitik. Meiner Auffassung nach schafft diese Kombination die Voraussetzung dafür, dass es nicht zu einer Wiederholung kommt.

In China beispielsweise häufen sich aber die Probleme…

Hasenstab: Gewiss gibt es dort Schwachstellen. Es ist über die Jahre zu einem ausufernden Kreditwachstum gekommen. Es werden nun fünfmal so hohe Kredite benötigt wie 2011, um nennenswertes Wachstum zu erzielen, es gibt also starken strukturellen Gegenwind.

Mir scheint, dass China immer noch ein relativ geschlossenes System ist. Deshalb dürfte es unwahrscheinlich sein, dass eine inländische Systemkrise aus diesem Kreditwachstum entsteht. Aber natürlich macht dieser wackelige Zustand China anfälliger für Schocks von außerhalb.

Ginge von einem anderen Teil der Welt ein Schock aus, müssten wir China meiner Meinung nach genau beobachten – die Fähigkeit des Landes, externen Schocks entgegenzuwirken, ist angesichts dieser massiven Kreditexplosion zunehmend begrenzt.

Ihr Fazit zu China?

Hasenstab: Insgesamt nehmen wir an, dass keine harte Landung zu erwarten ist. Stattdessen erwarten wir eine Verlangsamung des Wachstums in China. Zwar dürften wir kurzfristig keine inländische Bankenkrise erleben. Aber mittelfristig bestehen einige große Herausforderungen darin, mit dieser massiven Kreditexplosion umzugehen und sicherzustellen, dass die geplanten Strukturreformen von der Regierung in Peking auch wirklich fortgesetzt werden. Vor allem müssen sie deutlich schneller als bislang umgesetzt werden.