Interview mit Michael Hasenstab „In Indien hat sich viel getan“

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Strukturreformen, Haushaltsdisziplin und eine glaubwürdige, konservative Zentralbank: Wie schnell kommt Indien jetzt zu höherem Wachstum?

Hasenstab: Auf kurze Sicht dürften viele dieser Neuerungen zunächst Gegenwind für das Wachstum bedeuten. Im Laufe des nächsten Jahres werden wir also wahrscheinlich eine Verlangsamung der Wirtschaft erleben: Das hängt nicht nur mit einer strengeren Ausgabendisziplin des Staates zusammen, sondern nicht zuletzt auch mit einer umgebauten, nun höchst glaubwürdigen Zentralbank. Sie wird gegebenenfalls die Zinsen auf einem höheren Niveau halten müssen, um inflationäre Tendenzen zu zügeln.

Außerdem muss das Land in Kürze mit der Anhäufung großer notleidender Kredite und notleidender Vermögenswerte im Bankensystem umgehen – der Schuldenabbau ist also ein weiteres Hindernis auf dem Weg zu mehr Wachstum.

Die Transition zu einem zeitgemäßen Wirtschaftsmodell wird demzufolge nicht leicht sein?

Hasenstab: Der Subkontinent steht vor enormen Aufgaben. Die Reformen werden noch dazu in einer Zeit umgesetzt, in der das Land wegen des kräftigen Bevölkerungswachstums jeden Monat eine Million neue Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt integrieren muss. Indien hat derzeit 1,34 Milliarden Einwohner und dürfte nach jüngsten UN-Hochrechnungen 2024, also in sieben Jahren, die Gesamtbevölkerung Chinas von derzeit 1,41 Milliarden Menschen übertreffen. Bis 2030 dürften in Indien nach UN-Angaben rund 1,5 Milliarden Menschen leben.

Was heißt das für die Anleger?

Hasenstab: Es gibt kurzfristig einige Herausforderungen. Aber als Kapitalanleger müssen wir über diese Hürden hinausschauen. Als Investoren in festverzinslichen Anleihen begrüßen wir die Stabilität der indischen Rupie, die vor dem Hintergrund der Strukturreformen einsetzt.

Und wir erleben eine Verbesserung der Leistungsbilanz sowie eine Erholung der öffentlichen Finanzen. Was den Anleihenmarkt generell betrifft, ist eine glaubwürdige Zentralbank, welche die Inflation strukturell senkt, in Kombination mit einer konservativen Haushaltspolitik sehr gut für den Anleihenmarkt. Die Renditen halten dem anfänglich zu erwartenden Rückgang des Wachstums wahrscheinlich stand.

Aus Anlegersicht bin ich daher der Meinung, dass wir uns an einem optimalen Zeitpunkt für Investments in Indien befinden. Zwar wird es kurzfristig gesehen wohl einige Anlaufschwierigkeiten bei der Umsetzung der Reformen geben. Es dürfte jedoch nur eine kleine Weile dauern, um diese nachhaltig zu bewältigen.