Zum Staunen, Schmunzeln, einfach menschlich Drei Steuer(hinterziehungs-)Kurzgeschichten

Richard Lechner ist Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer AG, Autor und Redner

Richard Lechner ist Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer AG, Autor und Redner

Vor etlichen Jahren erhielt ich einen Anruf von der Ehefrau eines Mandanten. Ihr Mann hatte sich, ohne eine Nachricht zu hinterlassen, aus dem Staub gemacht. Das Ehepaar hatte seit Jahren eine gutgehende Arztpraxis. Er hatte die Praxis weiter und weiter ausgebaut, Patienten aufgenommen und das Arbeitspensum erhöht – auch, um ihr ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Sie hatte sich immer mehr aus der Praxis zurückgezogen und war zunehmend zur Dame des Hauses geworden. Da ihr Mann von seiner Arbeit aufgefressen wurde, suchte sie sich einen Liebhaber, den sie auch noch in einer Wohnung des Ehepaars einquartierte, dass dieses kurz zuvor aus Gründen der „Altersabsicherung“ gekauft hatte.

Der Ehemann kam ihr dahinter und wollte sich scheiden lassen. Das Problem war aber: Beide hatten eine gesetzliche Zugewinngemeinschaft – und der Zahnarzt sah nicht ein, dass seine Frau auch nur einen Cent von dem abbekam, was er erwirtschaftet hatte. Er nahm eine Grundschuld in Höhe von zwei Millionen auf die Villa in Grünwald auf, in der das Ehepaar lebte, und machte sich auf den Weg in die Schweiz.

Da zu der Zeit nicht so scharf kontrolliert wurde wie heutzutage, kam er unbehelligt bei einer Schweizer Bank an. Eine Million legte er in festverzinslichen Wertpapieren an, die andere gab er für ein Segelboot aus – sein langjähriges Hobby. Er ließ sich einen Zahnarztstuhl einbauen und stach in See. Überall, wo er jetzt vor Anker ging, bot er seine Dienste als Zahnarzt an und konnte sich so Liegeplatzgebühren oder die Ausgaben fürs Essen sparen. Manche seiner Patienten geben ihm auch ein kleines Handgeld und so segelt er durch die Welt, ohne, dass irgendjemand weiß, wo er sich aufhält. Seine Frau angelte sich übrigens kurzerhand einen Nachfolger, der die Lücke, die der Zahnarzt im Leben seiner Ehefrau ließ, persönlich und professionell füllt.

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Eine andere Geschichte, die mich lauthals auflachen ließ, passierte ebenfalls einem Mandanten von mir. Er betrieb ein Restaurant in der Nähe des Münchner Flughafens. Über vier Wochen hinweg besuchten ihn immer wieder einige Bauarbeiter, die in der Nähe auf Montage waren. Sie freundeten sich sogar ein bisschen mit dem Betreiber des Restaurants an. Nach vier Wochen verabschiedeten sie sich und meinten: „Man werde sich bestimmt mal wieder sehen.“

Und so war es dann auch. Beim Wiedersehen trennte ein mit Akten bepackter Tisch meinen Mandanten von einem der Bauarbeiter. Der Schreibtisch stand in einem Finanzamt und der Finanzbeamte hatte meinem Mandanten gerade eine von ihm zu leistende Steuernachzahlung in Höhe von 700.000,- Euro offenbart. Die Bauarbeiter waren alles Kollegen des Finanzbeamten. Sie hatten während den vier Wochen im Restaurant meines Mandanten sorgsam mitgezählt, wie viele Essen dieser mittags über verkaufte. Auch die sogenannten Außer-Haus-Verkäufe, also bestellte Pizzen, hatten sie gezählt.

Ihre Zahlen hatten sie dann mit der Buchhaltung des Restaurantbetreibers verglichen und erhebliche Differenzen festgestellt. Diese Aktion zogen sie übrigens noch bei einigen anderen Restaurants in der Umgebung durch und spülten auf diese Weise ordentlich Geld in die Staatskasse. Es gibt in Deutschland wahrscheinlich keine andere Bevölkerungsgruppe, die ihre Steuern derart genau auf den Cent bezahlt, wie all die, die in ihrer täglichen Arbeit mit dem Steuerrecht konfrontiert sind.

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Vor einigen Jahren wollte ich mich mit einem befreundeten Steueranwalt treffen. Seine Wohnung lag auf dem Weg zum Biergarten, also sollte ich ihn abholen. Ich klingelte und schon an der Sprechanlage bat er mich, noch eine Runde um den Block zu drehen. Ich drehte also noch eine Runde um den Block und klingelte wieder. Er wollte mich nochmal auf Wanderschaft schicken, ließ mich dann aber rein.

Als ich zu seiner Wohnungstür kam, sah ich nur noch das Hosenbein einer Anzughose in die Wohnung flitzen. Ich warf ein Blick in den Gang des kleinen Appartements und sah dort den Steueranwalt hektisch mit einem Wischmob den Flur schrubben. Er lebte in einer Fernbeziehung und seine Freundin hatte sich spontan für einen Wochenendbesuch angekündigt, weswegen er die Wohnung noch schnell auf Vordermann brachte. Eigentlich kein großes Ding, aber ein aktueller Fall ließ ihn außer zum Arbeiten zu kaum etwas kommen. Ich fragte ihn, wieso er sich keine Putzfrau holte. Er sah mich an, als hätte ich keine Ahnung vom Leben: „Find mal eine, die auf Lohnsteuerkarte arbeitet.“ Ein guter Punkt. Die Förderung von Schwarzarbeit machte sich in der Vita eines Steueranwalts, der mit Hinterziehungsfällen in Millionenhöhe zu tun hat, wirklich nicht gut. Einige Monate später fand er übrigens eine – die aber zu einem deutlich höheren Tarif arbeitete. 

Dieser Artikel ist der zweite Teil einer dreiteiligen Serie

Über den Autor
Richard Lechner ist seit über 25 Jahren im Bereich des Steuerrechts tätig. Er arbeitete mehrere Jahre als Leiter der Steuerabteilung für eine der größten international tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften in Deutschland und gründete 2002 seine eigene Steuerberatungsgesellschaft. Seine Erfahrungen als Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer Aktiengesellschaft und Business-Experte gibt er als Redner und Berater an Unternehmer und Entscheider weiter. Am 18.09.2014 erscheint sein Buch „Schwarzgeld, Nummernkonten und andere Steuerlügen. Was hinter den Türen einer Steuerkanzlei wirklich passiert“ im Verlag Orell Füssli.

www.steuerberater-lechner.de