Zum Stand der Steuerhinterziehung Das elfte Gebot im Wandel

Richard Lechner ist Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer AG, Autor und Redner

Richard Lechner ist Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer AG, Autor und Redner

Vor dem zweiten Weltkrieg führten die politischen Umwälzungen im nationalsozialistischen Deutschland dazu, dass eine sichere und anonyme Anlagemöglichkeit von Kundenseite nachgefragt wurde. Das Schweizer Nummernkonto erwies sich als ideal: Der Kontoinhaber war nur einem kleinen Führungszirkel in der Bank bekannt; in den Papieren, die die Bank intern zur Verwaltung nutzte, war nur eine Nummer notiert.

In den Kriegsfolgejahren verlor dieser Zweck an Bedeutung. Als Mittel zur Steuerhinterziehung wurde es in den Nachkriegsjahren und den folgenden Jahrzehnten immer beliebter, wie in diesem Jahr die Fälle von Alice Schwarzer oder Uli Hoeneß wieder einmal bewiesen.

Die Schweizer Banken fahren aus diesen Gründen eine sogenannte Weißgeld-Strategie. Die Banken setzen sich dabei mit Kunden in Verbindung, bei denen sie der Ansicht sind, dass sich deren Konto mit der Steuergesetzgebung ihrer Heimatländer nicht verträgt. Die Bank schickt Briefe mit Floskeln wie „Wir bedanken uns für die Treue über all die Jahre“ oder „vertrauensvoll gewachsenes Verhältnis“.

Dann kommt man zum Punkt: Der Kunde möge sein Geld doch bitte bis zum Soundsovielten abholen, ansonsten würde man der zuständigen Steuerbehörde die Höhe des entsprechenden Kontos mitteilen. Ein Schock für viele, in deren Steuererklärung das Konto mit keinem Cent erwähnt ist.

Um das Geld aber doch noch am Fiskus vorbeizubekommen, gibt es diverse Methoden. Die „klassische“ Methode ist es, die Familie in den Familien-Van einzuladen und das Geld abzuholen. Jeder der Mitfahrer bekommt ein Päckchen von 10.000,- Euro in die Hand gedrückt. Auf diese Weise lässt sich das Geld legal überführen. Wer das Geld dann noch waschen will, sucht ein grenznahes Casino auf und legt anschließend dem Finanzamt die Eintrittskarte vor. Das Schwarzgeld aus der Schweiz wird dann als Casinogewinn ausgegeben.

Das Geld lässt sich auch waschen, in dem man es als Fund im Erbe eines verstorbenen Verwandten ausgibt oder indem man einen vermeintlichen Kreditvertrag mit einem Verwandten abschließt. Da gerade Rentner selten vom Finanzamt überprüft werden und es bei etlichen von ihnen plausibel ist, dass sie das Geld aus dem Sparstrumpf unterm Kopfkissen haben, geht diese Taktik häufig auf. Sitzen die kreditgebenden Verwandten im Ausland, wird es für die Finanzbeamten noch schwerer, einen Steuerbetrug nachzuweisen.

Doch das alles ändert sich: Die Schweizer Banken versuchen – wie schon erwähnt -, unsaubere Konten loszuwerden. Auch beteiligen sie sich immer mehr am internationalen Informationsaustausch.

Im Mai kam ich nichtsahnend in meine Kanzlei, als mich ein echter Hammer traf: Das Finanzamt hatte kräftig recherchiert und war einem meiner Mandanten auf die Schliche gekommen. Der Unternehmer hatte ein Konto in der Schweiz, von dem er mir nichts mitgeteilt hatte. Die Steuernachzahlung war auf 60.000,- Euro beziffert.

Doch nicht nur die Schweiz ist inzwischen ein unsicheres Pflaster für Steuersünder. Immer wieder auftauchende Steuer-CDs auch aus Liechtenstein und Luxemburg erleichtern den Fahndern die Arbeit. Und ich vermute, die Fälle werden in Zukunft internationaler. Im Juni fanden Hamburger Zollfahnder Unterlagen aus einem karibischen Steuerparadies.

Das, was gerne spaßhaft als das elfte Gebot bezeichnet wird – „Du sollst Dich nicht erwischen lassen“ – ändert sich zum Glück. War es Steuerhinterziehern bisher möglich, mit etwas Glück nicht erwischt zu werden und auf diese Weise Reichtümer zu horten, so verschließt sich dieser Weg immer mehr. Dies wird zwar noch einige Zeit dauern, aber die Tendenz ist da.

Der Staat ist auch dazu gezwungen: Durch Steuerhinterziehung und Schwarzarbeit entgehen ihm jährlich Milliardensummen in zweistelliger Milliardenhöhe. Die Staatsverschuldung ist seit der Finanzkrise überproportional angestiegen. Das Geld, um den Schuldendienst jetzt und vor allem in der Zukunft leisten zu können und die Staatsbilanz in der Waage zu halten, muss also von irgendwoher kommen. Das ist auch das Motto einiger Finanzbeamten. Mit Nachzahlungsforderungen, die einer realistischen Begutachtung nicht standhalten, versuchen sie, soviel wie nur möglich für den Staat herauszuholen. In welche Richtung die Tendenz geht und wie sich der Trend fortsetzt, ist derzeit unklar. Müsste man aktuell ein neues elftes Gebot formulieren, hieße es: „Du sollst für Deine berechtigten Interessen kämpfen!“

Dieser Artikel ist der dritte und letzte Teil einer dreiteiligen Serie.

>>Zu Teil 1
>>Zu Teil 2

Über den Autor:
Richard Lechner ist seit über 25 Jahren im Bereich des Steuerrechts tätig. Er arbeitete mehrere Jahre als Leiter der Steuerabteilung für eine der größten international tätigen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften in Deutschland und gründete 2002 seine eigene Steuerberatungsgesellschaft. Seine Erfahrungen als Steuerberater, Aufsichtsratsvorsitzender einer Aktiengesellschaft und Business-Experte gibt er als Redner und Berater an Unternehmer und Entscheider weiter. Am 18.09.2014 erscheint sein Buch „Schwarzgeld, Nummernkonten und andere Steuerlügen. Was hinter den Türen einer Steuerkanzlei wirklich passiert“ im Verlag Orell Füssli.

www.steuerberater-lechner.de