Flossbach von Storch Research Institute Wie die Große Depression erst richtig groß wurde

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Die Krise weitet sich 1931 aus

Ende 1930 sahen sich die Zeitgenossen mitten in einer Wirtschaftskrise, ahnten aber noch nicht ihr gesamtes Ausmaß. Geschürt wurde der weltumspannende Schwelbrand durch eine störungsanfällige Währungsordnung, die erdrückende Schuldenproblematik – verschärft durch die Reparationsforderungen, die den Verlierern des Ersten Weltkriegs aufgebürdet worden waren –  sowie durch ein weltweites Klima des Misstrauens und der Abschottung.

Insbesondere der Kriegsverlierer Deutschland stand mit dem Rücken zur Wand: Das Auslandsvermögen der Deutschen, darunter die Handelsflotte sowie Patente und Lizenzen, wurde nach dem Ersten Weltkrieg konfisziert oder enteignet. Deutschland war gezwungen, sich kurzfristig massiv zu verschulden. Hohe Zinsen und der grundsätzlich wohlwollende Ausblick vieler Investoren auf die Leistungsfähigkeit des kriegsgeschwächten Deutschlands zogen große Kapitalsummen ins Land.

Doch 1931 bekam Deutschland Probleme mit dem Schuldendienst. Ausländische Anleger, vorrangig aus den USA, zogen ihre Einlagen bei deutschen Banken ab. Deutschlands zweitgrößte Geschäftsbank musste wegen Zahlungsunfähigkeit aufgeben. Kleinheyer: „Eine gemeinsame Ursache lässt sich für die zu Beginn der 1930er Jahr zugespitzte Lage zwischen den USA und Europa identifizieren. Man hat zwischen den Weltkriegen nie zu einer tragfähigen liberalen Ordnung zurückgefunden. Die Folgen des Ersten Weltkriegs und der protektionistischen Handelspolitik stoßen das bereits 1929 sichtbar angeschlagene internationale Finanzsystem im Jahr 1931 endgültig in den Abgrund. Mangelnder Wille zur internationalen Kooperation und eine fatale Steuerungsillusion durch nationalistische Interventionspolitik vergrößern eine Wirtschaftskrise zu der Weltwirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts.“

Parallelen zu heute

Die Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit motiviert heutige Politiker und Zentralbanker zu ihren Handlungen. So ist die Strategie des „Whatever it takes“ von Mario Draghi angelehnt an die Erkenntnis, dass die Krise 1929 zu zögerlich bekämpft wurde. Heute steht das Primat der Politik noch selbstverständlicher als damals über der Koordinierungsfunktion des Marktes. Auch heute neigen Ökonomen dazu, die Inflation nicht im Hinblick auf gefährliches Geldmengenwachstum, sondern  als Konsumentenpreisindikator zu beurteilen. Ähnlich wie in den 1920er Jahren ist anzunehmen, dass die Preise auch heute ohne Interventionen der Zentralbanken deutlich fallen würden, etwa aufgrund des von der Digitalisierung ausgehenden höheren Wettbewerbsdrucks.

Nach einer längeren Boomphase, die sich nicht in einem Anstieg der Inflationsrate zeigt, sind in den vergangenen Jahren die Vermögenspreise durch die Geldpolitik stark gestiegen. Eine Anpassungsrezession erscheint vor diesem Hintergrund riskant, denn die Fallhöhe durch die Überschuldung zahlreicher Volkswirtschaften ist enorm. Und neben den ökonomischen Risiken sind – wie in der Zwischenkriegszeit – politische und gesellschaftliche Spannungen entstanden, die die Widerstandsfähigkeit der freiheitlichen Grundordnung gefährden.

Derzeit stellt sich die Frage, ob die Welt wieder in Protektionismus verfällt. „Dem lässt sich entgegenhalten, dass niedrigere Zölle grundsätzlich in Europa, den USA und Japan als erstrebenswert erachtet werden. Die Bemühungen um Freihandelsabkommen lassen zumindest Raum für die Hoffnung, dass diese Lektion gelernt wurde. Heute werden Zölle eher als Druckmittel zur Durchsetzung außenpolitischer Ziele relevant“, schätzt Kleinheyer ein.