Finance-Professor im Gespräch „Alpha ist immer ein Ausdruck von Marktunvollkommenheit”

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Sehen wir denn bei Anomalien, wie sie etwa von Momentum-Strategien ausgenutzt werden, ein Nullsummenspiel am Werk?

Rieck: Wenn eine Marktseite systematisch etwas falsch macht und dadurch unfreiwillig einen Betrag an die andere abgibt, dann ist das ein Nullsummenspiel.

Raviol: Da stimme ich zu. Übrigens waren Momentum-Strategien in der Vergangenheit erfolgreicher als heute. Man könnte die These formulieren, dass die Strategie eine Zeit lang funktioniert hat, jetzt aber zu viele von ihr wissen.

Zuletzt zum Alpha. Hier handelt es sich ja nach der Definition um einen Mehrertrag, der – im Gegensatz zum Marktrisiko – nicht von der Risikoprämie gedeckt ist. Also ein Nullsummenspiel?

Raviol: Auf den ersten Blick scheint dem Alpha ein Nullsummenspiel zugrunde zu liegen: Die Überrendite des einen ist die Unterrendite des anderen. Aber dadurch, dass sich Menschen damit beschäftigen, wie viel ein Unternehmen wirklich wert ist, wird die Kapitalallokation besser. Es ist also wieder – wie bei den Derivaten – auf der ersten Ebene ein Nullsummenspiel, durch die positive Rückkoppelung auf die reale Ebene aber nicht.

Rieck: Man muss immer fragen: Hat das, was man tut, Rückwirkungen auf die reale Welt? Wenn ja, dann kommt man aus der reinen Nullsummendiskussion heraus. Alpha ist übrigens immer ein Ausdruck von Marktunvollkommenheit. Und bei dem gesamten unternehmerischen Handeln in der realen Welt geht es um das Ausnutzen von Marktunvollkommenheiten. Irgendwer hat eine neue Idee, die eine alte ablöst. Das ist die schumpetersche schöpferische Zerstörung.

Welche Rolle spielt es, ob Finanzmarktakteure bei der Suche nach Alpha mitmachen oder nicht, Stichwort passive Investments?

Raviol: Der Passivinvestor partizipiert am größer werdenden Kuchen und nimmt niemandem etwas weg. Dabei handelt es sich also definitiv nicht um ein Nullsummenspiel.

Rieck: Ja, aber wenn Sie sich den ganzen Markt ansehen und die einen ahnungslos sind und die anderen, also die Aktiven, wirklich mehr wissen, dann müssten sich diese doch regelmäßig Vorteile auf Kosten der Passiven verschaffen können. Das beruht auf einem einfachen Effekt: Die passive Strategie bildet immer das Gestern ab, die aktive Strategie versucht hingegen, das Morgen abzubilden.

Liefert denn die Spieltheorie immer eindeutige Ergebnisse in der Analyse von Interaktionen am Kapitalmarkt?

Rieck: In der Spieltheorie hat man, da sie so viel Mathematik enthält, das Gefühl, dass es sich um eine objektive Wissenschaft handelt, in der alles gemessen werden kann. Eine Art Physik für die Sozialwissenschaften. Dabei ist die Modellierung einer Situation mehr Kunst als Wissenschaft. Das Ergebnis hängt sehr stark davon ab, welche Aspekte man wahrnimmt und dann abbildet.

Raviol: Die Spieltheorie ist dann erfolgreich und hilfreich, wenn eine Situation klein und überschaubar ist, etwa eine konkrete Verhandlungssituation. Wenn ich versuche, alles zu modellieren, also die Gesamtwirtschaft, dann wird es schwierig.

Das Interview wurde dem private banking magazin von Lupus alpha zur Verfügung gestellt. Alexander Raviol ist Partner und Leiter Portfoliomanagement Alternative Solutions bei Lupus alpha.

 

Über den Interviewten:
Christian Rieck ist Professor für Finance an der University of Applied Sciences in Frankfurt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Behavioral Economics/Finance sowie die Zukunft der Finanzbranche. Rieck ist Schüler des Ökonomie-Nobelpreisträgers Reinhard Selten, 1992 veröffentlichte er eines der ersten Lehrbücher zur Spieltheorie.