Marktausblick Warum eine Prise Pessimismus jetzt helfen kann

Stephan Albrech

Stephan Albrech

Bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr raten wir Aktienanlegern zur Vorsicht. Das liegt nicht daran, dass wir ins Lager der dauerhaften Pessimisten gewechselt wären. Verantwortlich dafür sind vielmehr Anzeichen, die uns sagen, dass sich die Aussichten für den Herbst erneut eintrüben – so wie vor dem Kursrückgang im Mai, vor dem wir rechtzeitig warnten. Jedoch könnte es in der saisonal schwachen Phase bis Oktober etwas mehr „rumpeln“ als im Wonnemonat.

Woher nehmen wir unseren zeitweiligen Pessimismus? Ganz einfach: aus der Beobachtung der tatsächlichen Marktbewegungen. Dabei stützen wir uns dieses Mal vor allem auf den breiten US-Markt, der wegen seiner schieren Größe nicht nur den Takt für die anderen Weltbörsen angibt, sondern sich auch in einer prekären Verfassung befindet.

Auch wenn unser Haus in die Analyse und Aktienauswahl stets auch makroökonomische und fundamentale Kriterien einfließen lässt, beschränke ich mich hier auf die Markttechnik. Denn derzeit weisen drei verschiedene markttechnische Faktoren übereinstimmend auf eine Schwächephase im Herbst hin. Konkret:

Kursentwicklung: Der Aufwärtsschwung lässt nach

Der Index der New York Stock Exchange (NYSE), an der Tag für Tag die Aktien mehrerer tausend Unternehmen im Milliarden-Umfang gehandelt werden, hat jüngst ein neues Hoch erreicht. Doch die Indikatoren, die den Schwung dieser Aufwärtsbewegung messen, notieren auf niedrigerem Stand als beim letzten Preishoch.

Diese sogenannte negative Divergenz zwischen Preis und Momentum ist ein Vorbote für eine Pause im Kursanstieg bzw. für eine Korrektur. Dies gilt insbesondere dann, wenn diese Divergenz auf einem Wochenchart zu beobachten ist, wie im Fall des NYSE-Index. Andere Indizes wie S&P 500 oder der Dow Jones weisen analoge Muster auf.

Marktbreite: Immer weniger Aktien erreichen neue Hochs

Das zweite Indiz ist die nachlassende Marktbreite. Die Marktbreite an der NYSE beschreibt, wie viele der dort gehandelten Aktien am Ende der Woche höher notieren als am Anfang und wie viele niedriger. In einem starken Aufwärtstrend des Index sollte die Marktbreite zunehmen.

Doch derzeit ist das Gegenteil der Fall: Seit Mai stieg die Zahl der im Wert sinkenden Aktien von knapp 40 Prozent auf rund 55 Prozent an. Die Zahl der Aktien mit Kursanstiegen hat sich indes von gut 60 auf 45 Prozent verringert. Zu einer ähnlichen Entwicklung kam es von November 2010 bis Juli 2011, jedoch mit noch schlechteren Werten – danach folgte ein Kurssturz um 20 Prozent.

Smart Money: Profis verkaufen Aktien


Zu Besorgnis gibt auch der dritte Faktor Anlass – das ist das Verhalten der Profis an den Finanzmärkten, das sich im sogenannten Smart Money Flow Index (SMFI) abbilden lässt. Dessen Kernidee: Die großen Marktteilnehmer kaufen oder verkaufen meistens gegen Ende des Handelstages, vorzugsweise in der letzten halben Stunde und mit großem Umsatz. Die Privatanleger oder Amateure indes sind zu Beginn des Handelstages aktiv, oft in den ersten 30 Minuten, um Marktorders zu platzieren oder missglückte Spekulationen zu schließen.

Der SMFI zeigt nun, wie sich „das große Geld“ in Bezug auf die 30 im Dow Jones gelisteten Aktien verhält. Und – Überraschung! – derzeit verkaufen die Profis kurz vor Handelsschluss massiv Aktien. So hat der Dow Jones Anfang August ein neues Hoch erreicht; die Profis jedoch waren da auf der Verkäuferseite  – ein weiteres Warnsignal.

Heißer Börsen-Herbst? Es wird zumindest warm

Fazit: Die Markttechnik liefert einige handfeste Hinweise darauf, dass an den Aktienbörsen holprige Wochen bevorstehen könnten. Neuengagements bieten sich daher aktuell nicht an. Wer Aktien und das entsprechende Know-how besitzt, kann überlegen, seine Position bis in den Oktober hinein abzusichern. Nach dieser vermutlich moderaten Korrektur dürften Aktien auch unter technischen Aspekten wieder attraktiv sein.