Michael Hasenstab blickt auf 2020 Ausgewählte Schwellenländer bieten weiterhin Chancen

Corcovado und Zuckerhut in Rio de Janeiro: 10-jährige brasilianische Staatsanleihen rentieren mit fast 7 Prozent.  | © Getty Images

Corcovado und Zuckerhut in Rio de Janeiro: 10-jährige brasilianische Staatsanleihen rentieren mit fast 7 Prozent. Foto: Getty Images

Michael Hasenstab, CIO bei Templeton Global Macro

Anleger sehen sich außergewöhnlichen wirtschaftlichen, politischen und finanziellen Marktbedingungen gegenüber. Besonderes Augenmerk richten wir vor allem auf die folgenden Problemfelder: (1) zunehmende geopolitische Gefahren sowie Handelsspannungen, (2) sich ausbreitender Populismus und stärkere politische Polarisierung, (3) unbeschränkte Defizitfinanzierung in Industrieländern, (4) unterschätzter Inflationsdruck in den USA sowie (5) niedrige Leitzinsen, die die Anleger in riskantere Anlagen treiben und somit in vielen Marktsegmenten zu Überbewertungen führen.

Wir betrachten das neue Jahr als eine von Unsicherheiten geprägte Phase, die jedoch auch beträchtliche Anlagechancen bietet. Anleger sollten sich auf die Herausforderungen des Jahres 2020 vorbereiten, indem sie sich auf Allokationen konzentrieren, die eine echte Diversifizierung gegenüber stark korrelierten Risiken in vielen Anlageklassen bieten.

Geopolitische Spannungen und unorthodoxe Strategien geben Anlass zur Sorge

Momentan herrscht starke Uneinigkeit darüber, welche wirtschaftlichen und politischen Paradigmen kommende Generationen vorfinden werden. Die Annahmen reichen von Kapitalismus bis hin zu Sozialismus, von Demokratie bis hin zu Autoritarismus. Die Veränderung der strukturellen Machtverhältnisse zwischen den wichtigsten Akteuren der Welt erhöht die Wahrscheinlichkeit eines geopolitischen Ereignisses, sei es im Bereich Handel oder militärischer Art, das die Finanzmärkte empfindlich treffen könnte. Zwei Beispiele dafür sind die in letzter Zeit zunehmenden Spannungen im Nahen Osten und die Streitigkeiten zwischen den USA und China. Die Geschichte zeigt, dass Verlagerungen der Vormachtstellung im Staatenverbund oft Instabilität an den Finanzmärkten mit sich bringen.

Außerdem gibt es immer mehr populistische Regierungen, was – im Zusammenspiel mit der weltweiten Tendenz zur extremen Polarisierung – zu größeren Schwankungen in der Wirtschaftspolitik und ganz allgemein zu unorthodoxen Wirtschaftsstrategien führt. In den USA ist die Gesellschaft stärker gespalten, als es in der jüngeren Geschichte jemals der Fall war, was eine starke Polarisierung der politischen Parteien zur Folge hat. Hier beruft sich die Wirtschaftspolitik zunehmend auf zum großen Teil unbewiesene wirtschaftliche Theorien, etwa auf die „Modern Monetary Theory“ (MMT), eine Geldtheorie, wonach die Ausweitung der Haushaltsausgaben durch das Drucken von Geld finanziert werden sollte.

Die populistische Welle bringt in den Industrieländern eine steigende Schuldenlast und entsprechende finanzielle Risiken mit sich. So hat die Defizitfinanzierung der USA bedeutend zugenommen: Das durchschnittliche Haushaltsdefizit der nächsten zehn Jahre wird 1,2 Billionen US-Dollar betragen, was dem Congressional Budget Office der USA zufolge 4,7 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht, und eine massive Defizitfinanzierung durch US-Staatsanleihen erfordert.

Die nationalistischen Parteien in Europa stellen den zersplitternden Euroraum in ähnlicher Weise auf die Probe. Sie fordern den politischen Zusammenhalt heraus, der heute für die Haushaltsdisziplin notwendig ist und auch in Zukunft unverzichtbar sein wird, damit die Länder der Europäischen Union Krisen gemeinsam durchstehen können.

Außergewöhnlich lockere Geldpolitik verzerrt weiterhin die Wertpapierpreise

Wie reagieren die Zentralbanken? Die US-Notenbank (Fed) und die Europäische Zentralbank (EZB) beschäftigten sich noch vor einem Jahr mit Möglichkeiten zur Normalisierung der Geldpolitik. 2019 bewegten sich jedoch sowohl die Fed als auch die EZB wieder in Richtung einer stärkeren geldpolitischen Lockerung. Die Weiterführung dieses lockeren geldpolitischen Ansatzes, ohne dass tatsächlich eine Krise eingetreten wäre, drängt die Anleger immer weiter zu riskanteren und weniger liquiden Investitionen. Die Welt ist inzwischen, wie eine Studie von Bloomberg und Barclays zeigt, überflutet mit über 14 Billionen US-Dollar an negativ verzinsten Anleihen – sprich mit Wertpapieren, die eine Rendite von weniger als nichts einbringen. Da sich die Volkswirtschaften bei Versäumnissen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik immer stärker auf ihre Zentralbanken verlassen, sind Politikinstrumente, die einst als in höchstem Maße unkonventionell galten, heute der Normalfall.

Die Kombination einer sehr lockeren Zentralbankpolitik mit einem stärker regulierten Bankensystem vervielfacht das Kreditrisiko im Bereich der Schattenbanken. Dementsprechend verzeichnen die weniger transparenten Bereiche der US-Kreditmärkte seit zehn Jahren ein bedeutendes Wachstum. Dabei handelt es sich um private Emissionen mit eingeschränkter Finanzberichterstattung und weniger strengen Kreditvereinbarungen. Die Jahre des billigen Geldes, von dem vor allem die Kreditnehmer profitieren, haben die Disziplin auf den Märkten verwässert. So sind die Kreditgeber immer weniger in der Lage, auf angemessener Finanzberichterstattung und strengeren kreditsichernden Klauseln zu bestehen.

All dies mag funktionieren, solange die Kreditmärkte wachsen. Doch sobald sich die Kreditbedingungen umkehren, werden die Kosten für Liquidität exorbitante Höhen erreichen. Wir bleiben beim Übergang ins Jahr 2020 wachsam gegenüber den Kredit- und Liquiditätsrisiken der globalen Anleihenmärkte und halten es für wichtig, dass sich die Anleger dementsprechend positionieren.