Kommentar von Klaus Martini Warum die Dividende nicht der neue Zins ist

Klaus Martini ist seit März 2015 Geschäftsführer des Münchner Vermögensverwalters Plückthun Asset Management

Klaus Martini ist seit März 2015 Geschäftsführer des Münchner Vermögensverwalters Plückthun Asset Management

In den vergangenen Monaten haben immer wieder Artikel in der deutschen Tagespresse und in Anlegermagazinen die Dividende als den ultimativen Ersatz für Zinsanlagen angepriesen. Das mag im ersten Moment auch einleuchten.

Der Dax hat aktuell, obwohl nahe des Allzeithochs, noch immer eine Dividendenrendite von rund 2,4 Prozent, der Euro Stoxx 50 sogar eine von 3 Prozent. Währenddessen weisen Staatsanleihen immer öfter so gut wie keine Erträge oder sogar Negativzinsen auf und werden Unternehmensanleihen auf historisch niedrigen Renditen gehandelt. Im Einzelfall kann es durchaus Sinn machen, Aktien den festverzinslichen Wertpapieren vorzuziehen.

Schaut man jedoch auf das große Ganze, wird schnell klar, dass wir Zinsen nicht durch Dividenden ersetzen können. Dafür gibt es drei Gründe:

  1. Aktienkultur in Deutschland:
    Gemessen an der deutschen Gesamtbevölkerung lag laut Statista die direkte Aktienquote 2014 bei 4,1 Prozent. Zusammen mit der indirekten Aktionärsquote (über Fonds) lag die Zahl bei rund 13 Prozent. Ein magerer Wert im weltweiten Vergleich. Zudem ist die Verteilung stark bildungsabhängig.

    Im Vergleich dazu waren 2013 laut Statista etwa 70 Prozent der deutschen Privatanleger in Bargeld, Einlagen, Lebens- und Rentenversicherungen investiert. Mehr Anleger in Deutschland zu Aktieninvestments zu bewegen ist in den vergangenen Jahrzehnten aus den verschiedensten Gründen gescheitert.

    Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist das Fachwissen im Geld- und Finanzbereich. Hier wird beispielsweise in den Schulen viel zu wenig getan. Bevor sich die Aktienkultur in Deutschland nicht weiterentwickelt, wird die Dividendenausschüttung nicht den Stellenwert des „guten alten Zinses“ erreichen.

  2. Größe der Märkte versus Investitionsvolumen:

    Zwar spielt die Marktkapitalisierung aller Börsen weltweit mit 25 Prozent schon eine gewichtige Rolle in der Zusammensetzung aller Finanzwerte, allerdings sind die restlichen 75 Prozent der Werte fast zur Gänze zinstragende Wertpapiere. Deswegen ist anzunehmen, dass institutionelle Anleger wie Pensionsfonds oder Versicherer – aber auch der private Investor – nicht umhin kommen, weiter einen großen Anteil in festverzinslichen Wertpapieren zu halten.

  3. Festverzinsliche Wertpapiere versus Aktien:
    Ein vollständiger Ersatz von Anleihen durch Aktien ist nicht nur aufgrund der grundsätzlichen Scheu und des Sicherheitsdenkens deutscher Anleger gegenüber Aktien kaum vorstellbar, sondern auch aufgrund der unterschiedlichen Charakteristika der beiden Anlageklassen. Festverzinsliche Wertpapiere werden überwiegend von Staaten, staatlichen Organisationen, Banken und Unternehmen als Mittel der Fremdfinanzierung begeben. Staatsanleihen mit guter Bonität sowie Bank- oder Unternehmensanleihen florierender Unternehmen haben kaum ein Ausfallrisiko – somit gelten Anleihen grundsätzlich als risikoarmer.

    Aktien – also Beteiligungen an Unternehmen – werden an der Börse gehandelt und der Preis entsteht aufgrund der Einschätzung der Anleger über die Zukunftsaussichten des Unternehmens. Ihr Wert kann stark schwanken und es kann zu Übertreibungen (Blasen) kommen. Deswegen werden Aktien als eher riskantere Anlagen eingestuft.

    Nun haben wir heute die Situation, dass bei festverzinslichen Wertpapieren aufgrund einer extrem lockeren Zentralbankpolitik und der daraus resultierenden Geldschwemme keine Zinsen mehr zu verdienen sind. Investoren sind dazu gezwungen, Rendite in anderen Anlageklassen zu suchen. So sind die massiven Liquiditätszuflüsse und die damit verbundenen Preisanstiege bei Immobilien, Kunst aber auch bei Aktien zu erklären.

    Für den Fall, dass alle Anleger auf der Suche nach Rendite ihre Portfolios zugunsten von Aktien umschichten, würden die Aktienmärkte weiter durch die zufließende Liquidität steigen und immer weniger den tatsächlichen Wert der Unternehmen widerspiegeln. Das kann am Markt zu Blasen führen, die bekanntlich irgendwann platzen. Der risikoscheue Investor hätte eventuell große Verluste zu verdauen.

    Die Anleger sollten nicht vergessen, dass die meisten Unternehmen zurzeit in einem positiven Umfeld agieren und dementsprechend gute Dividenden zahlen können. Dies kann sich schnell ändern, sei es durch eine Rezession oder durch unvorhersehbare Faktoren. Ein Beispiel ist die Ölindustrie, wo durch die Halbierung des Ölpreises im Verlauf der letzten 12 Monate manche Unternehmen bereits heute Dividendenkürzungen vermelden mussten.

Insgesamt betrachtet kann die Dividende den Zins aus Anlegersicht also nicht ersetzen. Sicherlich bleibt die Dividende jedoch ein wichtiger Ertragsbestandteil eines Investmentportfolios. Aus unserer Sicht können Anleger, die in den vergangenen Jahren stark auf Aktien gesetzt haben, heute jedoch einige Gewinne mitnehmen – speziell in Märkten wie Deutschland, wo der Dax seit Jahresanfang rund 19 Prozent zugelegt hat.

Anleger mit geringen Aktienanteilen können jedoch bei Rückschlägen am Aktienmarkt Positionen aufbauen – vor allem in dividendenstarken Werten. Ziel ist es, über die Jahre eine vernünftige und ihrem Risikoprofil angepasste Asset Allocation aufzubauen, in der die Aktie und somit die Dividende eine maßgebliche Rolle spielen.

Für ertragsorientierte Anleger ist das Argument „die Aktie ist alternativlos“ sicherlich richtig. Letzten Endes steht für viele Anleger heute jedoch die Vermögenssicherung im Vordergrund. Hier hilft nur die zweifellos abgedroschene Phrase: Eine breite Streuung des Vermögens bietet Renditechancen und kann das Vermögen langfristig schützen.