Europäische Unternehmensanleihen Zinsflaute in sicheren Häfen – Unternehmen bringen frischen Wind

Anne Velot ist Head of Active Global and Euro Credit bei AXA Investment Managers

Anne Velot ist Head of Active Global and Euro Credit bei AXA Investment Managers

Mittlerweile bewegen sich über 40 Prozent der Renditen europäischer Staatsanleihen im negativen Bereich. Geschuldet ist das der extrem lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Ihr seit mehr als zwei Jahren laufendes Anleihekaufprogramm spielt damit eine unverändert große Rolle für die Anlagestrategie der Investoren im Bereich festverzinslicher Wertpapiere.

Um eine positive nominale und reale Rendite erzielen zu können, sehen sich Investoren nach Alternativen  um – als Ergänzung zu herkömmlichen defensiven Anlageklassen wie europäische Staatsanleihen. Wir sehen diese Alternative nach wie vor in europäischen Unternehmensanleihen hoher Bonität (Investment Grade).

Für Papiere aus diesem Segment spricht das solide ökonomische Umfeld. In Europa sind die Daten stark: Die Einkaufsmanager-Umfragen für April im Euroraum lagen bei über 56 Punkten für das produzierende Gewerbe und für Dienstleistungen. Das deutet auf eine breit angelegte Erholung hin. Erst im März hat die EZB ihre Wachstumsaussichten für 2017 auf 1,8 Prozent und für 2018 auf 1,7 Prozent angehoben – das gesamtwirtschaftliche Umfeld präsentiert sich also gesund. Das Wachstum sollte bei Unternehmen zu höheren Umsätzen, besseren Margen und einer Verbesserung der Bilanzen führen. Und damit zu weniger Ausfällen bei den Anleihen.

Unterstützung kommt weiter von der EZB

Mittlerweile hat die EZB zwar begonnen, ihr Corporate Sector Purchase Program (CSPP) zum Kauf von Unternehmensanleihen zurückzufahren. Jedoch plant sie weiterhin, noch bis Dezember 2017 monatlich ein beträchtliches Volumen zu erwerben. Erst ab Januar 2018 sollen diese Käufe schrittweise zurückgehen. Das sollte die Nachfrage nach Unternehmensanleihen und damit ihre Kurse weiter unterstützen. Entsprechend optimistisch bleiben wir mit Blick auf diesen Markt.

Allerdings dürften die Zinsschwankungen im Zuge der bevorstehenden Periode einer sich langsam normalisierenden Geldpolitik zunehmen, auch wenn die EZB dabei sehr behutsam vorgehen wird. Denn ihre gegenwärtigen Äußerungen deuten darauf hin, dass die Zinsen noch eine Weile auf dem gegenwärtigen oder einem niedrigeren Niveau verharren könnten. Für den Augenblick steigt die Inflation nicht weiter, und der jüngste Rückgang der Ölpreise sollte die Inflation weiter bremsen. Diese Entwicklung unterstützt die Anleihenmärkte, da in einem solchen Umfeld für die EZB keine Notwendigkeit einer schnelleren Straffung ihrer Geldpolitik über den zu erwartenden Rahmen hinaus besteht. Dennoch gehen wir ab September von ersten Hinweisen auf eine Rückführung ihrer Anleihekaufprogramme aus.

Wahlen bewegen die Märkte

Zudem könnten höhere politische Risiken die Marktvolatilität kurzfristig erhöhen und die Perspektiven der europäischen Unternehmensanleihen vorübergehend eintrüben. So werden weiterhin Wahlen die Schlagzeilen in Europa beherrschen. Auch wenn die Märkte auf die Wahl des pro-europäischen Kandidaten Emmanuel Macron mit großer Erleichterung reagiert haben, liegen viele politische Ereignisse und damit Risiken noch vor uns:  Im Juni die Parlamentswahlen in Frankreich und die Wahlen zum Unterhaus in Großbritannien, im September die Bundestagswahl in Deutschland, und auch in Italien muss bis spätestens Frühjahr 2018 ein neues Parlament gewählt werden. Nicht zuletzt können weiterhin die Brexit-Verhandlungen und politische Entscheidungen in den USA für Unruhe sorgen.

Wir glauben, dass der potenzielle Anstieg der Zinsvolatilität und das politische Risiko attraktive Punkte für den Einstieg in europäische Unternehmensanleihen hoher Bonität bei gleichzeitig kurzer Duration bieten. Die Investition in Anleihen mit kurzer Duration verringert nicht nur die Sensitivität gegenüber steigenden Zinssätzen, sondern profitiert von einem solchen Umfeld sogar. Denn wenn Anleihen am Ende ihrer Laufzeit getilgt werden, können die damit frei werdenden Anlagevolumina im Gleichschritt mit steigenden Renditen neu investiert werden. Gleichzeitig sollte eine solche Strategie es erleichtern, die Volatilität und das Risiko von Kursrückgängen verglichen mit dem breiteren Markt zu begrenzen.