Analyse von Europas Pharma-Riesen Zu Gast bei Shire, Roche, Sanofi und Novartis

Claus Henrik Johansen, Aktien-Analyst bei Danske Invest

Claus Henrik Johansen, Aktien-Analyst bei Danske Invest

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Vor kurzem verbrachte ich einige Tage in Paris und der schweizerischen Grenzstadt Basel. Hier traf ich mich mit Vorstandsmitgliedern der vier Pharma-Unternehmen Shire, Roche, Sanofi und Novartis. Alle sind börsennotierte Gesellschaften aus der Pharma-Branche – und an allen hält Danske Invest eine Beteiligung.

Shire: Synergieeffekte durch Fusion

ADHS-Medikamente, Magen-Darm-Präparate und Enzymersatztherapien bilden das Kerngeschäft von Shire. Die Erlöse aus diesen Geschäftsfeldern nutzt die britische Gesellschaft für die Entwicklung von Arzneimitteln zur Behandlung seltener Krankheiten. Das Geschäftsmodell ist weitgehend immun gegen unerwartete Konkurrenz, da die Behandlungsformen hohes Fachwissen und spezielle Kapazitäten erfordern.

In Basel sprach ich mit dem Geschäftsführer von Shire, dem Dänen Flemming Ørnskov. Unser Gespräch drehte sich unter anderem um die gerade abgeschlossene Fusion von Shire mit Sitz in Dublin mit dem rentablen Biotechnologie-Unternehmen Baxalta im Wert von 32 Milliarden US-Dollar.

Von dieser Fusion kann Shire in Form von Synergieeffekten profitieren. Insbesondere das Vertriebsteam wird durch den Zusammenschluss deutlich verstärkt, wodurch Shire seine Arzneimittel besser vermarkten und absetzen kann. Ein anderer, aber genauso wichtiger Aspekt ist, dass Shire seine Position als Marktführer im Bereich seltener Krankheiten manifestieren kann. Dazu gehören Hämophilie und Immunoglobulin (die vorherrschenden Antikörper im Immunsystem).

Roche: Starke Pipeline

Das schweizerische Unternehmen Roche ist Marktführer bei der Behandlung von verschiedenen Krebsarten, unter anderem Brust-, Magen- und Darmkrebs. Bei meinem Besuch sprach ich mit Severin Schwan, dem Geschäftsführer der Roche-Gruppe.

Auch wenn die Gesellschaft momentan führend im Bereich der Krebstherapie ist, hegt Schwan Zweifel, ob die Entwicklung neuer Präparate künftig genauso rentabel sein wird. Das liegt daran, dass Krebs derjenige Therapiebereich ist, der die meisten Investitionen anzieht – was irgendwann die Preise unter Druck setzen wird. Auf der anderen Seite ist Schwan jedoch überzeugt, dass Roche mit seinem äußerst differenzierten und konkurrenzfähigen Produktportfolio eine starke Position besitzt.

Das Unternehmen hat außerdem einige spannende Produkte in der Pipeline, wie zum Beispiel Tecentriq (Atezolizumab). Dabei handelt es sich um ein Immuntherapeutikum gegen mehrere Krebsarten wie beispielsweise Blasenkrebs sowie vielleicht auch künftig Lungenkrebs. Am 19. Mai wurde Tecentriq für Patienten mit metastasierendem Blasenkrebs zugelassen.

Zudem entwickelt Roche gerade ein neues sehr wirksames Arzneimittel zur Behandlung von Multiple Sklerose (Ocrelizumab), das nur alle sechs Monate verabreicht werden muss. Durch dieses lange Dosierungsintervall wird die Lebensqualität der Patienten deutlich verbessert.

Sanofi: Mehr als nur Diabetestherapie

Wenn man die Kapitalmärkte und die Medien engmaschig verfolgt, kann leicht der Eindruck entstehen, dass sich Sanofi ausschließlich mit der Behandlung von Diabetes beschäftigt. In Wahrheit ist das jedoch nicht der Fall: Das französische Unternehmen ist unter anderem Marktführer im Bereich Enzymersatztherapie und vertreibt auch Medikamente zur Behandlung von Multiple Sklerose und mehreren seltenen Krankheiten.

Bei meinem Besuch sprach ich mit Finanzdirektor Jérôme Contamine. Sanofi hat im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass es nicht alle neuen, bahnbrechenden Medikamente selbst entwickeln kann. Deshalb arbeitet das Unternehmen verstärkt mit ausländischen Partnern zusammen, deren Forschung vielversprechend aussieht.

Ein Beispiel ist die US-amerikanische Gesellschaft Regeneron, die zusammen mit Sanofi das Medikament Praluent gegen einen erhöhten Cholesterinspiegel im Blut entwickelt hat. Außerdem arbeiten die Franzosen an der Zulassung von Dupilumab gegen chronische Ekzeme oder Nesselsucht. Beide Produkte können in den kommenden sieben bis acht Jahren insgesamt einen Erlös zwischen 4,8 und 6,5 Milliarden Euro einbringen.

Damit sind die guten Nachrichten aber noch nicht zu Ende: Das Unternehmen möchte auch seine Position in der Krebstherapie ausbauen, obwohl hier Sanofis Forschung anderen Anbietern, wie z.B. Roche, hinterherhinkt.