Japan Jupiter-Manager: „Der Abenomics-Effekt ist real“

Simon Somerville, Jupiter Asset Management

Simon Somerville, Jupiter Asset Management

Bei meiner letzten Reise nach Japan ging es mir vor allem darum herauszufinden, inwieweit sich die „Abenomics“ tatsächlich positiv auf die Unternehmen und die Verbraucherstimmung im Land auswirken. Mit „Abenomics“ wird die Politik des neuen Premiers Shinzo Abe bezeichnet. Die japanische Wirtschaft soll dadurch die Stagnation und ihren chronischen Deflationszustand überwinden.

Ich halte den Abenomics-Effekt für real. Abe ist nach wie vor sehr beliebt, und Haruhiko Kuroda, der neue Gouverneur der Bank of Japan, verfolgt entschlossen sein Inflationsziel von 2 Prozent. Die jüngste Volatilität lässt Aktienanlagen in Japan zwar jetzt riskant erscheinen, meines Erachtens repräsentiert der Markt aber weiterhin eine echte Erholungsstory.

Zentrale Überlegungen

  • Die Binnenwirtschaft erholt sich sichtbar. Zum Teil ist das eine natürliche Reaktion auf die Schwäche, die im vierten Quartal 2012 aus dem Inselstreit zwischen Japan und China folgte. Die wirtschaftlichen Fundamentaldaten deuten jedoch ebenfalls unmissverständlich auf eine Erholung hin: Die Verbraucher zeigen sich sehr konsumfreudig, die Baubeginne haben kräftig zugelegt, und viele Unternehmen planen für dieses Jahr eine deutliche Erhöhung ihrer Investitionsausgaben. Auch das Geschäftsklima hat sich aufgehellt. Der jüngsten Tankan-Umfrage der Bank of Japan zufolge ist das Geschäftsvertrauen im produzierenden Gewerbe stärker gestiegen, als viele Ökonomen erwartet hatten.

  • Die Verbraucherstimmung steigt dank höherer Sommerboni – der Anstieg beträgt rund 7 Prozent und fällt damit so hoch aus wie seit 1990 nicht mehr – und dank erster, vereinzelter Anzeichen für Lohnwachstum. Das Konsumentenvertrauen hat sich nicht zuletzt auch deshalb aufgehellt, weil die Japaner erwarten, dass die neue Abe-Regierung einen echten Wandel bewirken wird.

  • Die Inflation zieht allmählich an, wobei es sich angesichts des schwächeren Yen dabei zugegebenermaßen in erster Linie um eine importierte Inflation handelt. Apple etwa hat in Japan unlängst die Preise für seine iPads um rund 20 Prozent erhöht.

  • Von der besseren Binnenwirtschaft und den erheblichen Vorteilen, die der schwächere Yen mit sich bringt, verspreche ich mir für das laufende Geschäftsjahr bis März 2014 einen deutlichen Anstieg der Unternehmensgewinne. Ausgehend von einem Wechselkurs von 100 Yen pro US-Dollar schätzt Nomura, dass die im Topix vertretenen Unternehmen in diesem Zeitraum einen durchschnittlichen Gewinn je Aktie von 82,5 Yen einfahren werden. Das entspricht einem Zuwachs von 66 Prozent. Das durchschnittliche Markt-KGV gemessen an den von Nomura erwarteten Gewinnen liegt aktuell bei etwa 13.


Für eine gewisse Enttäuschung haben Abes Pläne für Strukturreformen und auch die Maßnahmen gesorgt, über die Japan zu einem höheren Binnenwachstum gelangen soll. Ich persönlich halte die Reformen für umfassend und glaube, dass sie für das langfristige Wachstum der japanischen Wirtschaft positiv sein werden. Als vertane Chance betrachte ich lediglich die fehlende Zusage von Steuersenkungen für Unternehmen. Diese könnten aber noch nach der Oberhauswahl im Juli angekündigt werden, zumal die Abe-Regierung bereits starke Anspielungen in diese Richtung gemacht hat.

Fundamentale Faktoren

  • Nach den jüngsten Kursverlusten wirkt der japanische Markt wieder unterbewertet. Auf Basis der von Nomura geschätzten Gewinne notiert er aktuell mit einem KGV von rund 13, und die erwartete Dividendenrendite beträgt 2,3 Prozent.

  • Die Stärke, die der Yen zuletzt gegenüber dem US-Dollar gezeigt hat, scheint die wirtschaftliche Fundamentalsituation nicht widerzuspiegeln. Japan ist gerade dabei, seine monetäre Basis massiv auszuweiten, während die USA ihr quantitatives Lockerungsprogramm allmählich zurückfahren dürften. Von daher wird sich der Yen im laufenden Geschäftsjahr gegenüber dem Dollar vermutlich eher abschwächen.

  • Ich glaube, dass die Volatilität am japanischen Aktienmarkt zuletzt deshalb so extrem war, weil gerade inländische institutionelle Investoren massive Verkäufe getätigt haben. Diese Anleger haben ihre Aktienpositionen jetzt soweit reduziert und gleichzeitig ihre Zielgewichtung bei japanischen Aktien erhöht. Dies scheint den Abwärtsdruck aus dem Markt genommen zu haben.


Zentrale Risiken

  • Die Abenomics könnten scheitern, wenn das Lohnwachstum nicht mitzieht. Der Markt benötigt Lohnzuwächse auf breiter Front als Gegengewicht zu der kosteninduzierten Inflation und zur Stärkung des Verbrauchervertrauens. Lohnzuwächse sind damit ein wichtiger Teil der Lösung.

  • Die Abenomics könnten eine Welle gelegentlicher Kapitalbeschaffungen durch Unternehmen lostreten, die eigentlich keine neuen Mittel benötigen. Ein paar solcher Fälle waren bereits zu beobachten. Kapitalbeschaffungen sind deshalb problematisch, weil sie das Interesse an Aktien massiv dämpfen und so den Markt daran hindern können, weitere Kurszuwächse zu verbuchen.

  • Das größte Risiko bleibt Shinzo Abe selbst. Angenommen Abe gewinnt die Oberhauswahl, dann lägen drei Jahre ohne Wahlen vor ihm und er besäße eine starke Ausgangsposition, um seine eigenen Visionen von einem besseren Japan umzusetzen. Sollte er im Sumpf der Verfassungsreformen versinken oder aus irgendeinem Grund zurücktreten müssen, würde dies der japanischen Erholungsstory meines Erachtens erheblichen Abbruch tun.