Corona-Crash „Es gibt auch eine Zeit nach dem Virus“

Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch: „Die Erfahrung zeigt, dass ein Verkauf sehr viel leichter ist als der Wiedereinstieg.“ | © Flossbach von Storch

Thomas Lehr, Kapitalmarktstratege bei Flossbach von Storch: „Die Erfahrung zeigt, dass ein Verkauf sehr viel leichter ist als der Wiedereinstieg.“ Foto: Flossbach von Storch

Herr Lehr, das Corona-Virus breitet sich aus und nach einer Rally zu Jahresbeginn ist der US-Aktienindex S&P 500 stark zurückgefallen. Derartige Schwankungen verunsichern viele Anleger. Was sagen Sie Ihnen?

Thomas Lehr: Dass kurzfristige Marktbetrachtungen nicht viel bringen. Geldanlage sollte ein mittel- bis langfristiges Projekt sein. Anleger sollten also mindestens auf Sicht von fünf, besser sieben Jahre in Aktienmärkte investieren. Dass der kräftige Kursrückgang Anleger verunsichert, ist aber gut nachvollziehbar. Im Gegensatz zu Themen wie dem Brexit, der lange die Schlagzeilen dominierte, aber letztlich nur regional begrenzte Auswirkungen hat, ist die Ausbreitung des Corona-Virus und die Versuche, seine Ausbreitung einzudämmen, von globaler Relevanz. Es ist daher davon auszugehen, dass die volkswirtschaftlichen Daten, aber auch Unternehmenszahlen tatsächlich deutlich beeinträchtigt werden.

Aber ist es dann nicht besser, aus den Aktienmärkten auszusteigen?

Lehr: Wie gesagt – ich denke, das ist zu kurz gedacht. Es gibt schließlich auch eine Zeit nach dem Virus – und die wird nicht erst 2025 beginnen. Wir gehen davon aus, dass das Thema die Finanzmärkte nur temporär beeinträchtigen wird. Daher dürfte es für langfristige Anleger weniger relevant sein. Übrigens: wenn wir hier von „Relevanz“ sprechen, muss klar sein, dass wir hier einzig aus Anlegersicht sprechen. Wir sind uns einig, dass das Thema ganz viele Dimensionen hat; für jeden einzelnen und noch mehr für die Gesellschaft.

Ja, sicher. Doch wäre es nicht dennoch besser, in der Krise zu verkaufen und später wiedereinzusteigen?

Lehr: Die Erfahrung zeigt doch, dass ein Verkauf sehr viel leichter ist als der Wiedereinstieg. Den raschen Wiedereinstieg verpassen in der Praxis die meisten Privatanleger. Dieser wäre aber für die Mehrzahl der Sparer – und ich sage absichtlich Sparer und nicht Anleger – geboten. Unseres Erachtens wird jede Hoffnung, dass die Zinsen steigen, durch die aktuellen Turbulenzen noch kleiner, als sie es ohnehin schon war. Daher lohnen aktiv gemanagte Portfolios, die professionelle Fondsmanager verwalten. Denn es gibt gerade in solchen turbulenten Marktphasen auch viele Chancen. Zumindest, wenn die Kurse von Aktien ertragreicher Unternehmen mit soliden Bilanzen und attraktiven Geschäftsmodellen temporär ebenfalls verlieren.

Wie machen Sie Ihre Portfolien denn krisenfest?

Lehr: „Krisenfest“ suggeriert meines Erachtens zu sehr, dass sich ein Portfolio in der Krise am besten gar nicht bewegt. Viel wichtiger ist aber, aus der Krise möglichst gestärkt herauszukommen. Die aktuelle Situation bestärkt uns in unserer langfristigen, robusten Anlagestrategie, die sich in unserem Flossbach von Storch-Pentagramm und Anlage-Weltbild widerspiegelt. Am Aktienmarkt bevorzugen wir seit jeher Qualitätstitel von Unternehmen mit soliden Bilanzen, geringen Verschuldungen und attraktiven Geschäftsmodellen, die auch herausfordernde Zeiten gut überstehen – und das Potenzial haben, nach temporären Krisen stärker dazustehen als zuvor. Gold bleibt unsere Versicherung gegen die bekannten und unbekannten Risiken im Finanzsystem. Und auch bei den Anleihen, die wir halten, ist die Qualität entscheidend.

Wie haben Sie in den vergangenen Wochen reagiert, als die Märkte stark schwankten?

Lehr: Auch wenn unsere Portfolios nicht völlig immun gegen die Schwankungen waren, sind wir bisher ganz gut durchgekommen. Erstens war unsere Aktienquote schon vor dem Rücksetzer wegen der zuletzt gestiegenen Bewertungen vergleichsweise niedrig. Zweitens hatten wir einen Teil abgesichert. Es war absehbar, dass das Virus in dem Moment die Finanzmärkte stärker bewegt, in dem es sich nicht nur im fernen China, sondern auch in den USA und Europa und somit vor der „eigenen Haustür“ ausbreitet. Drittens hilft uns in solchen Phasen natürlich die oben beschriebene, grundsätzliche Idee vom Investieren. Auch Firmen brauchen ein gutes Immunsystem und das ergibt sich aus dem Geschäftsmodell und der Stärke der Bilanz. Der Reflex nachzukaufen, setzt erst langsam ein. Man muss schauen, wo solche Unternehmen über Gebühr und undifferenziert abgestraft wurden. Zu guter Letzt war auch die Goldposition ein gewisser Puffer.