Inflation und Rezession Das Ringen um die Zinswende

Christine Lagarde wird beim World Economic Forum in Davos kritisch beäugt

Christine Lagarde wird beim World Economic Forum in Davos kritisch beäugt: Moderiert Sie die Zinswende herbei? Foto: Imago Images / Xinhua

Ariel Bezalel hat so seine Zweifel. Für den Strategie- und Fixed-Income-Chef von Jupiter Asset Management ist die vielfach proklamierte und teils eingepreiste Zinswende noch nicht ganz so fix, wie es manch anderer Marktexperte vielleicht suggeriert. Seine Meinung macht Bezalel auch bei einer Veranstaltung im Hamburger Hotel Atlantic klar. Ruhig und besonnen seziert er vor einer kleinen Gruppe von Investoren seine Argumentationskette. Zwar sei die Inflation durchaus „Staatsfeind Nr. 1“, Bezalel stellt aber weiter steigende Zinssätze in den USA und später in Europa in Frage – da bereits so viel eingepreist sei. Denn: „Die Inflation kommt größtenteils von der Angebotsseite. Und die kann die US-Zentralbank nicht kontrollieren.“

Was die Zentralbanken machen und was nicht, wird von Wirtschaft und Finanzwirtschaft gerade argwöhnisch betrachtet. Sogar das recht konservative ZDF interpretierte jüngst „Signale“, die EZB-Präsidenten Christine Lagarde ausgesendet hatte. Bezalel wirft zur Verdeutlichung seiner Aussagen lieber Grafiken von einigen Indikatoren an eine Leinwand. Ihr Inhalt soll seine These unterstützen, dass im zweiten Halbjahr von der Angebotsseite her eine sich verlangsamende oder sogar stoppende Teuerung eintreten könnte: Lagerbestände, Güterwagenladungen und Auftragslage in den USA sind zuletzt zurückgegangen, die Überlastung der Häfen hat abgenommen und auch die Preiszunahme bei Rohstoffen hat sich verlangsamt. Gleichzeitig sind auf Nachfrageseite die US-Konsumentenstimmung und das Einkommenswachstum rückläufig. Bei letzterem liegt das reale wöchentliche Einkommenswachstum derzeit sogar auf einem 30-Jahres-Tief.

Rezession als Inflationsbremse – oder vermeidbare Gefahr?

Ariel Bezalel, Jupiter AM.

„Die Welt hat zu viel Schulden, dazu kommt eine teilweise ungünstige Demografie“, geht Bezalel beim Vortrag davon aus, dass die Inflation zurückgehen wird. Auf den Tischen vor seinen Zuhörern im Konferenzraum des Hotels liegen die Factsheets des von ihm betreuten Bond-Fonds. Bei dessen Strategie setzt Bezalel auf eine – im Vergleich zu anderen Anleihestrategien – recht hohe durchschnittliche Duration. Er rechnet damit mit Kursgewinnen bei den festverzinslichen Wertpapieren. Wie diese am Ende zustande kommen sollen? Er verweist auf die 1970er und die 1980er Jahre: „Die beste Möglichkeit, die Inflation einzufangen, war in der Vergangenheit eine Rezession.“ Und in diesen Rezessionen sanken dann auch die Bond-Renditen.

Auch an anderer Stelle erinnert man sich an die 1970er Jahre und die resolute Zins-Reaktion der Fed. „Das war sehr schmerzhaft und hat zur Rezession geführt“, erklärt Tilman Galler, der heute eine vergleichbare Situation wie in der damaligen Zeit erkennt, in einem aktuellen Marktausblick. Allerdings ist Gallers Prognose für die Reaktion der Fed eine ganz andere als die von Bezalel: „Die Fed wird entsprechend in den kommenden Monaten sehr rigoros die geldpolitischen Zügel anziehen.“ Helfen könne die gleichzeitige Reduktion der Fed-Bilanz, die dem Markt Liquidität entzieht. Außerdem senke das die Überschussnachfrage des Privatsektors – für Galler ein Drahtseilakt.

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Die Deutungshoheit über eine Zinswende ist mittlerweile fast schon umkämpft. Die Melange aus einer eventuell hohen Inflation, einer eventuellen Zinswende und einer eventuellen Rezession lässt viel Raum für Interpretationen. Denn nicht nur Bezalel hat deutliche Zweifel an einer vollumfänglichen Zinswende und einer weiter stabilen Ökonomie in den USA. Auch Bernd Meyer, Chefstratege im Asset und Wealth Management bei Berenberg, verwies bereits Anfang der Woche auf die gefallenen Kurse an den Aktienmärkten und die gleichzeitig gestiegene Bewertung sicherer Staatsanleihen. „Durchwachsene China-Konjunkturdaten, erste Anzeichen eines sich abkühlenden US-Arbeitsmarktes und enttäuschende Quartalsergebnisse von US-Einzelhandelsunternehmen, die über weniger Nachfrage nach Nicht-Basiskonsumgütern und geringeren Gewinnspannen klagten, lassen eine stärkere Konjunkturabschwächung wahrscheinlicher werden“, schätzte Meyer die Lage in den USA ein. Der Spielraum für Zinssenkungen werde dadurch kleiner.