Stephan Kemper, Chief Investment Strategist Wealth Management bei BNP Paribas:
Die jüngste Entscheidung der US-Notenbank, die Zinsen im Juli unverändert zu lassen, zeugt von massivem Zögern. Offensichtlich fühlte sich eine substanzielle Gruppe von Entscheidungsträgern unwohl mit einem schockartigen Zinsschritt. Man zieht es vor, auf weitere Daten zu warten. Besonders nach den überraschend schwachen Inflationsdaten im Juni. Chairman Warsh lieferte eine Pressekonferenz, die breiten Interpretationsspielraum lässt. Er nahm eine grundsätzlich restriktive Haltung zur Inflation ein.
Spätestens die zu erwartende heiße Inflationsrate im August, getrieben durch steigende Energiepreise infolge der Nahost-Eskalation, wird die Notenbank zum Handeln zwingen.
Gleichzeitig verknüpfte er künftige geldpolitische Entscheidungen mit komplexen konzeptionellen Fragen. Er versucht offenkundig, den Markt davon zu überzeugen, seine Arbeit zu übernehmen. Strengere Finanzierungsbedingungen und gestiegene Realzinsen sollen die Inflation dämpfen, ohne dass die Fed die Zinsen tatsächlich anheben muss.
Der Markt durchschaut dieses Spiel. Der Anstieg der langfristigen Renditen während der Pressekonferenz belegt die Bereitschaft der Investoren, die tatsächliche Handlungsbereitschaft der Notenbank zu testen. Ein Zinsschritt im Dezember bleibt das logische Basisszenario. Spätestens die zu erwartende heiße Inflationsrate im August, getrieben durch steigende Energiepreise infolge der Nahost-Eskalation, wird die Notenbank zum Handeln zwingen.
An den Aktienmärkten dominiert derweil weiterhin eine sehr selektive Wahrnehmung den Blick auf die Technologie-Ergebnisse. Investoren interpretieren schlechte Nachrichten von Unternehmen wie Meta als endgültigen Beweis für das Scheitern des KI-Booms. Starke Bilanzen, wie jene von Samsung, werden schlichtweg ignoriert oder, wie bei Microsoft, als rein unternehmensspezifisch abgetan.
Besonders paradox ist die Reaktion auf Microsoft. Das Unternehmen liefert handfeste Beweise, dass der KI-Ausbau profitabel ist und die Akzeptanzraten steigen. Der Markt belohnt dies, straft aber gleichzeitig exakt jene Hardware-Unternehmen ab, die diese Transformation überhaupt erst ermöglichen.
Die vermeintliche Senkung der Kapitalausgaben bei Microsoft von 190 Milliarden auf 175 Milliarden US-Dollar für das Jahr 2026 ist reine buchhalterische Kreativität. Die Nutzungsdauer von Rechenzentren wurde von 15 auf 25 Jahre verlängert. Dadurch können in Zunkunft mehr Kosten als operative Kosten verbucht werden, welche nicht mehr den Investitionen (Capex) zugeordnet werden. Die zugrunde liegenden Investitionspläne bleiben jedoch unangetastet, Ausgaben werden schlicht anders ausgewiesen.
Der Markt übersieht beim Blick auf Halbleiter weiterhin fundamentale Tatsachen. Microsoft bestätigt es: Die Kapazitätsnachfrage übersteigt das Angebot weiterhin massiv. Rund zwei Drittel der Investitionsausgaben von Microsoft fließen in kurzlebige Vermögenswerte wie CPUs und GPUs, die mittelfristig ersetzt werden müssen. Beim Halbleiter-Sektor wird das sprichwörtliche Kind mit dem Bade ausgeschüttet.
Parallel dazu vollzieht sich im Hintergrund eine bemerkenswerte Rotation. Software-as-a-Service (SaaS) Unternehmen erholen sich rasant. Noch vor kurzem galt dieser Sektor als Epizentrum des „Saasmageddon“, da der Markt eine Zerstörung der Geschäftsmodelle durch KI-generierte Do-it-yourself-Software einpreiste. Nun schlägt dieser Korb an Unternehmen den S&P um 23 Prozent und den breiteren KI-Bereich um fast 50 Prozent. Es ist die stärkste Outperformance in der Geschichte dieses Segments.