Die globalen Zinsmärkte treten in eine neue, entscheidende Phase ein: Die seit Jahren beobachtete Abflachung der Renditekurven wird abgelöst durch einen steileren Verlauf der Renditekurve, wie sie zuletzt 2011 zu sehen war. Mit dieser Entwicklung ist auch die Term-Prämie (engl. term premium) zurückgekehrt – jener Renditeaufschlag, den Investoren für langfristige Anleihen im Vergleich zu Kurzläufern verlangen.
Sowohl in den USA als auch in Europa reduziert das Zusammenspiel von Politik, Notenbankentscheidungen und strukturellen Faktoren den geldpolitischen Handlungsspielraum und verstärkt zugleich die Volatilität an den Märkten. Hinzu kommen Zölle und die fortschreitende Deglobalisierung, die den Preisdruck strukturell erhöhen und den Zentralbanken weniger Spielraum für eine lockere Geldpolitik lassen.
Grafik: US-Treasury-Zinsstrukturkurve
Die Zentralbanken kaufen Anleihen nicht mehr in nennenswertem Umfang, sodass die langfristigen Renditen kaum noch durch geldpolitische Maßnahmen – egal ob klassisch oder unkonventionell – beeinflusst werden. Wichtiger als Änderungen der Leitzinsen oder die Wirkung quantitativer Lockerungen ist nun, dass die Notenbanken ihre Glaubwürdigkeit bewahren und die Inflation dauerhaft im Zielbereich halten.
Die Fed sieht sich zunehmend durch Inflationsrisiken und politische Zwänge in ihrem Handeln eingeschränkt, während die EZB zwar nur mit moderater Inflation, aber gleichzeitig mit steigenden Renditen am langen Ende konfrontiert ist. Vor diesem Hintergrund ist die Rückkehr einer steilen Zinskurve nicht nur eine technische Anpassung, sondern ein Signal für ein sich wandelndes makroökonomisches Umfeld. Für Investoren bietet diese Entwicklung Chancen – gleichzeitig stellt es jedoch eine Herausforderung für die disziplinierte Positionierung sowohl auf den Zins- als auch auf den Credit-Märkten dar.
Der enge Zinskorridor der Fed
Das Argument für eine steilere US-Zinskurve wird immer stärker. Die Inflation bleibt der entscheidende Faktor, doch die Fed gerät unabhängig vom Inflationsverlauf zunehmend unter Druck. Steigt die Inflation, könnte jeder Versuch der Fed, ihre Glaubwürdigkeit mit leicht restriktiven Signalen zu unterstreichen, politisch vom Weißen Haus gebremst oder abgelehnt werden, da die US-Regierung vor den Zwischenwahlen 2026 auf Wachstum und Investitionen fokussiert ist.
Umgekehrt könnten steigende Zollkosten die Gewinnspannen der Unternehmen belasten und zu niedrigeren Investitionen führen, was das BIP belastet. In diesem Fall müssten Unternehmen ihre Gewinnprognosen nach unten korrigieren, Aktienbewertungen würden neu bewertet und die Volatilität könnte von historisch niedrigen Niveaus wieder steigen. Auch dieses Szenario erhöht den Druck auf die Fed, die Zinsen zu senken.
Egal ob durch Inflationsdruck, der die Glaubwürdigkeit der Fed testet, oder durch eine Wachstumsabschwächung, die geldpolitische Lockerung erzwingt – beide Wege begünstigen eine steilere Renditekurve. Selbst ein abwartendes Verhalten der Fed könnte ins Gegenteil umschlagen, indem die Märkte volatiler werden und eine Neubewertung entlang der Zinskurve erfolgt.
Zölle, Handel und Spannungen
Insgesamt ist die Wahrscheinlichkeit für eine steilere US-Zinskurve deutlich gestiegen. Zwar sind die Zölle etwas niedriger als nach dem „Liberation Day“ im April befürchtet, doch ihre Einführung dürfte langfristig die Gewinnspannen der Unternehmen belasten und die globalen Handelsströme einschränken. Die US-Wirtschaft muss sich nun in einem engen Korridor zwischen stabilem Wachstum und moderater Inflation bewegen, damit die Fed politischem Druck standhält und die Aktienmärkte stabil bleiben.
Gleichzeitig könnten Fortschritte im Handel mit China, Japan und der EU die globalen Wachstumserwartungen anheben und den Inflationsdruck wieder verstärken. Dieses Zusammenspiel erhöht den Aufwärtsdruck auf die Renditen langfristiger Anleihen, gerade wenn die Fed nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten hat. Das Ungleichgewicht zwischen fiskalischer Expansion und eingeschränkter geldpolitischer Flexibilität spricht daher klar für eine steilere US-Zinskurve.
Europäische Zinskurven: Kurzes Ende stabil, Langfrist-Renditen unter Druck
In Europa werden die Zinsmärkte weniger von politischem Druck als von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten geprägt. Die Inflation fällt klar, da die schwache Nachfrage in vielen Regionen durch die disinflationären Impulse aus China zusätzlich gedämpft wird. Selbst die fiskalischen Anreize in Deutschland dürften keinen nachhaltigen Preisdruck erzeugen.
Angesichts der gedämpften Wachstumsaussichten ist eine nachfragegetriebene Inflation unwahrscheinlich, sodass die EZB kaum Anreize für Zinserhöhungen hat. Das kurze Ende der Zinskurve bleibt daher gut verankert oder könnte sogar noch weiter sinken. Am langen Ende wächst hingegen der Druck: Die Emission von Staatsanleihen in den Kernländern Europas nimmt zu, und technische Faktoren – etwa regulatorische Änderungen, die niederländische Pensionsfonds zu einer Reduzierung ihrer Durationsexponierung bewegen – verstärken den Verkaufsdruck auf lange Laufzeiten.
Die Kombination aus stabilen Renditen am kurzen Ende und Angebotsdruck am langen Ende deutet auf eine Versteilerung der europäischen Zinskurven hin – allerdings auf einem niedrigeren Niveau als in den USA.