Asset-Allokation Wie steigende Zinsen die Spielregeln ändern

Asset-Allokation
Wie steigende Zinsen die Spielregeln ändern
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Peter Reichel ist Chief Investment Officer bei Oddo BHF.

Peter Reichel ist Chief Investment Officer bei Oddo BHF. Bildquelle: Oddo BHF

Mehr als ein Jahrzehnt lang haben die Investoren in einer Welt gelebt, in der Geld so gut wie nichts gekostet hat. Die führenden Notenbanken hielten die Leitzinsen bei null und im Fall der EZB sogar darunter, die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen lagen nahe der Nulllinie, und Aktienbewertungen wurden nicht unwesentlich von der Aussicht auf billiges Kapital getragen.

Diese Ära ist vorbei. Aktuell verzinsen sich zehnjährige US-Staatsanleihen mit nominal 4,7 Prozent, zehnjährige Bundesanleihen mit annähernd 3,2 Prozent und andere Staatsanleihen bedeutender Länder der Eurozone zwischen 3,5 und knapp 4 Prozent. Der Zins ist zurückgekehrt, und diese Entwicklung verändert die Geldanlage von Grund auf.

Realzinsen als Indikator 

Das Ausmaß der Veränderung lässt sich vielleicht besser noch anhand der Realzinsen – hier anhand der Rendite inflationsindexierter Anleihen – messen. Diese sind für Anleger aussagekräftiger als Nominalrenditen, da sie auch die Geldentwertung einbeziehen.

 

Vor fünf Jahren, im August 2021, war die reale Rendite zehnjähriger amerikanischer Staatsanleihen negativ – unter Berücksichtigung der erwarteten Inflation verloren die Anleger mit US-Treasuries jährlich rund 1 Prozent. Erst im Mai 2022 drehte die Realrendite in den positiven Bereich und liegt heute bei rund 2,4 Prozent.

Quelle
Quelle: Bloomberg, Zeitraum 01.01.2001-13.08.2026; die Anleihe bietet einen separaten Ausgleich für die Inflation entsprechend der tatsächlichen Preisentwicklung, so dass die Marktrendite als reale Rendite verstanden werden kann

Das ist zwar kein historisches Hoch. Doch wir bewegen uns wieder auf einem Niveau wie zuletzt in den Jahren vor der Finanzkrise 2008/09, vor inzwischen 18 Jahren. Die Entwicklung bei Bundesanleihen verlief ähnlich. Die Renditen waren über alle Laufzeiten tief in den negativen Bereich gefallen. Erst seit Juni 2023 lässt sich mit Papieren des Bundes wieder real Geld verdienen. Anfang August 2026 lag die Rendite der inflationsindexierten zehnjährigen Anleihe bei 0,9 Prozent.

Diese Entwicklungen unterstreichen, wie grundlegend sich das Zinsumfeld verändert hat. Drei Faktoren haben die Renditen in die Höhe getrieben:

  1. Straffe Geldpolitik: Fed und EZB haben von 2022 an im Kampf gegen die aufflammende Inflation die Leitzinsen kräftig angehoben. Das hat die Nominalrenditen stärker steigen lassen als die Inflationserwartungen, wodurch sich im Umkehrschluss die Realrendite erhöhte.
  2. Quantitative Tightening: Die Notenbanken haben ihre Anleihekäufe aus der Zeit der Finanzkrise von 2008 beendet und ihre Bilanzen verkürzt. Der Wechsel wichtiger Notenbanken von der Käufer- in die Verkäuferrolle hat die Renditen (nominal wie real) zusätzlich nach oben gedrückt.
  3. Höhere Laufzeitprämie: Zum einen haben Energiepreisschocks und Zollpolitik zu einer Neubewertung der Inflationsrisiken beigetragen. Zum anderen erhöht die steigende Staatsverschuldung das Angebot an Staatsanleihen am Markt, ebenso der hohe Finanzierungsbedarf der Investitionen im Technologiesektor. Angesichts der stärkeren Emissionstätigkeit verlangen Anleger höhere Prämien für das Halten langlaufender Anleihen. „Higher for longer“ lautet hier das Schlagwort an den Anleihemärkten.

Zins ist kein modernes Phänomen, sondern Gegenstand einer jahrhundertealten ökonomischen Debatte. Während Zins lange kritisch betrachtet wurde, setzte sich mit der frühen Neuzeit zunehmend die Erkenntnis durch, dass Zeit, Risiko und Kapitalbindung einen legitimen wirtschaftlichen Wert besitzen. Genau diese Einsicht spiegeln die Kapitalmärkte heute wider: Wer Kapital langfristig bindet, erwartet dafür eine angemessene Entschädigung.