Fondsmanager über Anleihen Hochzinsmarkt erholt sich nach Abverkauf

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Vermutlich hat der Markt für hochverzinsliche Wertpapiere das Schlimmste hinter sich. Es könnte aber noch zu früh sein, um das Risiko wieder zu erhöhen. Die Kreditmärkte orientieren sich an den Aktienmärkten, im Allgemeinen ist die Liquidität gering und die institutionellen Anleger reagieren nur langsam auf die steigenden Bewertungen.

Wir sehen zwar, dass sich die mittelfristigen Bewertungen in der gesamten Anlageklasse verändert haben, bevorzugen aber eine stärkere Umschichtung in Papiere mit höherwertiger Bonität. Dabei bevorzugen wir Unternehmen, die den Margendruck erfolgreicher eindämmen können und über eine ausreichende Bilanzliquidität verfügen.

Ukraine-Krieg wird Unternehmen längere Zeit beschäftigen

Der Krieg in der Ukraine war für die High-Yield-Spreads in den ersten Wochen von systemischer Bedeutung. Inzwischen haben wir eine Phase erreicht, in der die täglichen Nachrichten von der Front nicht mehr die Richtung der Kurse von Hochzinsanleihen bestimmen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind jedoch längerfristiger Natur. Für die Unternehmen bedeutet das: Sie müssen davon ausgehen, dass die Wirtschaftssanktionen gegen Russland so lange aufrechterhalten werden, bis die Putin-Regierung abgesetzt ist – und zwar in dem maximalen Ausmaß, zu dessen Umsetzung die europäischen Politiker den Willen haben. Es gibt keine kurzfristige Lösung für die Abhängigkeit Europas von Erdgas. Die USA sind davon weit weniger betroffen, da sie ein Erdgas-Nettoexporteur sind und ihre LNG-Kapazitäten in den vergangenen Jahren ausgebaut haben. Die Herausforderungen, die der Krieg für Unternehmen mit sich bringt, sind daher erhöhte Energiekosten und gestörte Lieferketten. Dabei standen letztere aufgrund von Chinas Null-Covid-Strategie ohnehin schon unter Druck.

Aus der Anleiheperspektive wirkt sich die Krise auf Europa stärker aus als auf die USA. Wir erwarten, dass die Ausfälle in Europa 1 bis 2 Prozent höher ausfallen werden als zu Jahresbeginn erwartet.

Finanz- und Energiebranche als Krisenprofiteure

Im aktuellen Umfeld bevorzugen wir Branchen, die von einer steiler werdenden Renditestrukturkurve profitieren oder nur wenig von steigenden Input-Kosten betroffen sind. Ein Beispiel für Zinsprofiteure sind Unternehmen aus dem Bankensektor, wo die Emittenten höhere Erträge und Margen aus ihrem Kreditgeschäft erzielen können. Wir bevorzugen europäische Emittenten von nachrangigen Bankanleihen, die zu den Klassenbesten gehören, sowie andere nationale Global-Champion-Emittenten.

Zur zweiten Kategorie gehören beispielsweise Medien- und Finanzdienstleistungsunternehmen. Im Energiesektor sehen wir Möglichkeiten bei traditionellen Öl- und Gasunternehmen, die in der Exploration und Produktion tätig sind. Ebenfalls interessant sind Gasunternehmen, die an LNG- und Gaspipelines beteiligt sind.

Regional betrachtet konzentrieren wir uns weiterhin auf die Kernmärkte für Hochzinsanleihen. Dabei bevorzugen wir Nordamerika und Europa, während wir Unternehmensanleihen aus den Schwellenländern weiter untergewichten. Bisher haben die Auswirkungen der quantitativen Straffung zu einem ausgeprägteren Ausverkauf bei Emerging-Markets-Unternehmen im Vergleich zu Firmen in den Industrieländern geführt. Außerdem sind Schwellenländer anfälliger für eine weitere Wachstumsverlangsamung in China.

Europäische Hochzinsanleihen werden mit einem Aufschlag gegenüber US-amerikanischen Papieren gehandelt, obwohl die Fundamentaldaten der US-Pendants besser sind – vor allem, weil das Risiko einer Rezession in den Vereinigten Staaten geringer ist.

Über den Autor:
Justin Jewell ist Partner und Bereichsleiter für europäische Hochzinsanleihen bei Bluebay Asset Management und Fondsmanager des Bluebay High Yield Bond (ISIN: LU0842206632). Vor seinem Wechsel zu der Fondsgesellschaft im Jahr 2009 war er bei UBS tätig.