World Fintech Report 2017, Teil 2 Wie etablierte Anbieter Fintechs begegnen

Analysiert den Stand des digitalen Wandels: der World Fintech Report 2017

Analysiert den Stand des digitalen Wandels: der World Fintech Report 2017

Viele etablierte Finanzdienstleister reagieren auf die Herausforderung durch Fintechs inzwischen mit einer großen Bandbreite an Strategien. Die Ausbeute der Innovationsbemühungen ist in den meisten Fällen allerdings noch mager. Einige traditionelle Häuser stehen sich zugleich bei der Bewältigung des digitalen Wandels mit ihrer Risikoscheu selbst im Weg. Das geht aus dem World Fintech Report (WFTR) des Beratungsunternehmens Capgemini und des Karriereportals Linkedin in Zusammenarbeit mit der European Financial Management & Marketing Association (Efma) hervor.

Eine Mehrheit der Finanzinstitute (60 Prozent) setzt demnach mittlerweile auf Kooperationen mit Fintechs.  Doch fast der gleiche Prozentsatz (59,2 Prozent) baut unternehmensinterne Ressourcen auf. Über Partnerschaft und unternehmenseigene Entwicklung hinaus sehen Führungskräfte aber noch zahlreiche weitere Modelle: Investitionen in Fintechs (38 Prozent), Partnerschaften mit Bildungseinrichtungen (34,3 Prozent) oder die Schaffung sogenannter Accelerators (29,6 Prozent). Ein kleinerer Teil (18,6 Prozent) kauft zudem Fintechs auf.

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„Den Führungskräften der Finanzdienstleister erscheinen Fintechs in einem neuen Licht, seit sie mehr und bessere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit sehen. Sie machen aber auch selbst deutliche Fortschritte beim Aufbau unternehmenseigener Fintech-Fähigkeiten“, sagt Klaus-Georg Meyer, Leiter Geschäfts- und Technologieberatung Finanzdienstleistungen bei Capgemini in Deutschland.

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Allerdings lässt die Effizienz der Bemühungen oft noch zu wünschen übrig: Mit Ausnahme weniger Branchenführer täten sich die meisten Unternehmen schwer, positive Ergebnisse aus ihren Innovationsvorhaben zu ziehen. So gaben nur zehn Prozent aller Führungskräfte an, dass sie ihre mit Innovationen verfolgten Ziele erreichen konnten.

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Kaum überraschend sind weniger als die Hälfte (44 Prozent) aller Führungskräfte überzeugt von ihrer Fintech-Strategie. Dazu passt die Tatsache, dass nur ein Drittel (34,7 Prozent) angaben, überhaupt eine zu haben.

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Ihre Risikoscheu hindert viele traditionelle Häuser zudem daran, eine Unternehmenskultur zu begründen, die Innovationen Vorrang einräumt. So gaben 40,3 Prozent der Führungskräfte an, dass ihre Organisation Innovationen nicht fördere.

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Investiert wird stattdessen am ehesten in solche Technologien, die einen Kostenvorteil verschaffen, indem sie operative Prozesse verschlanken und effizienter machen. Zudem erhoffen sich viele der traditionellen Institute vom technologischen Fortschritt ein verbessertes Online-Erlebnis der Kunden.

Um das zu erreichen, konzentrieren sich fast 90 Prozent der befragten Führungskräfte hauptsächlich auf die Einbindung von Big Data und Analyse-Tools, gefolgt vom Internet of Things (IoT) (55,8 Prozent), Blockchain (54,7 Prozent), Robotic Process Automation (52,3 Prozent) und offenen API-Technologien (50 Prozent; API= Application Programming Interfaces), also Software-Schnittstellen, die eine Kommunikation zwischen verschiedenen Plattformen und Systemen erlauben.

Weiteres Ungemach droht

Ungemach droht den etablierten Häusern unterdessen laut Studie noch von ganz anderer Seite. „Das Aufkommen von Fintechs hat dafür gesorgt, dass sich das Kundenerlebnis in der ganzen Branche sehr viel schneller verbessert hat. Doch es ist noch immer nicht auf dem Level, auf dem es dem Willen der Kunden nach sein müsste. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch große Technologieanbieter sowie führende E-Commerce- und Telekommunikations-Unternehmen in den Markt eintreten und ihren Teil vom Kuchen der Branchen-Disruption fordern“, sagt Vincent Bastid, Generalsekretär bei Efma.

Der Teilnehmer eines New Yorker Roundtables zum Thema, den die Studienautoren zitieren, geht sogar noch weiter: Es seien nicht die Fintechs, an denen sich die Finanzbranche orientieren müsse, so der Banker. Vielmehr solle man stattdessen versuchen, von Technologie-Giganten wie Google oder Facebook und deren Ansätzen zu lernen. Angesichts der starken Kundenbindung und gewaltigen Infrastruktur dieser „non-bank player“ seien traditionelle Finanzdienstleister potenziell nur noch eine innovative Anwendung vom „Game over“ entfernt.

Um den digitalen Wandel nicht bloß zu überleben, sondern aktiv mitzubestimmen, empfehlen die Studienautoren etablierten Anbietern die enge Kooperation mit Fintechs. Diese Zusammenarbeit brauche wiederum eine Strategie, die unter anderem Sicherheit der Kundendaten, ein innovations- und experimentierfreudiges Umfeld und volle Unterstützung der Innovationen durch die Führungsebene in den Mittelpunkt stelle.


Zu Teil 1 der Ergebnisse des World Fintech Report 2017 geht es hier.

Den vollständigen Report gibt es hier als pdf.

 
Über die Studie:
Capgemini und LinkedIn veröffentlichen den World Fintech Report 2017 (WFTR) in Zusammenarbeit mit Efma. Er basiert auf den Erkenntnissen einer Expertenkommission, in der Vertreter der größten etablierten und jungen Unternehmen sowie Analysten der Branche sitzen. Er enthält außerdem Angaben über das Kundenerlebnis bei etablierten Unternehmen und Fintechs aus den Ergebnissen einer Umfrage mit 8.000 Konsumenten aus 15 verschiedenen Ländern.