Wirtschaftliche Folgen Was mit der Corona-Krise auf Schwellenländer zukommt

Kapstadt mit dem Tafelberg: Strukturelle Probleme Südafrikas haben sich durch die Corona-Krise noch verschärft. | © imago images / Greatstock

Kapstadt mit dem Tafelberg: Strukturelle Probleme Südafrikas haben sich durch die Corona-Krise noch verschärft. Foto: imago images / Greatstock

Gilles Moëc, Chefvolkswirt und Leiter Research bei AXA Investment Managers

Die entwickelten Volkswirtschaften schlagen sich dank konzertierter Maßnahmen von Notenbanken und Regierungen recht gut in der Corona-Krise. Poul Thomsen, Leiter der Europa-Abteilung des Internationalen Währungsfonds (IWF), bescheinigt dem Euroraum ein handlungsfähiges Notfallsystem sowie funktionierende Institutionen. Den politischen Spielraum außerhalb der EU und der Eurozone beurteilt er hingegen als sehr begrenzt. Mit Ausnahme Russlands und der Türkei hätten die meisten der neun Schwellenländer in Mittel- und Osteuropa, die nicht der EU angehören, bereits Nothilfe aus einem 50-Milliarden-Dollar-Fonds des IWF beantragt, so Thomsen.

Schwellenländer müssen massive Kapitalabflüsse hinnehmen

Wo stehen die Schwellenländer derzeit? Sie haben allgemein mit massiven Portfolioabflüssen zu kämpfen. In nur einem Monat zogen ausländische Investoren Vermögenswerte im Wert von 80 Milliarden US-Dollar ab – so viel, wie sie im gesamten vergangenen Jahr an Zuflüssen verzeichneten. Darüber hinaus löste die Dollar-Aufwertung in allen Schwellenländern eine erhebliche Währungsschwäche aus. Und als die Pandemie auch sie mit voller Wucht traf, griffen die lokalen Regierungen zu Notfallausgabenplänen. Einige Zentralbanken beschlossen sogar geldpolitische Maßnahmen in Form von Anleihekäufen, die sich jedoch als stumpfe Waffe erwiesen. Zudem haben viele Zentralbanken die Zinsen gesenkt und damit – zumindest vorläufig – entschieden, die inländischen Bilanzen und nicht die heimischen Währungen zu stützen. Weil Letztere an Wert verlieren und die Anleger weiterhin Vermögenswerte aus den Schwellenländern abstoßen, kann dies in einer Reihe von fragilen Staaten zu einer Zahlungsbilanzkrise führen. Hier wird dann der IWF einschreiten müssen.

Welche Schwellenländer sind in Gefahr?

Welche Länder besonders gefährdet sein könnten, lässt sich anhand mehrerer Kennziffern feststellen: Dabei hilft erstens ein Blick auf den kurzfristigen Finanzierungsbedarf aus dem Ausland. Je stärker ein Land von Finanzierungen in US-Dollar abhängig ist, desto mehr wird die Währungsabwertung seine Rückzahlungskapazität beeinträchtigen. Zweitens liefert der plötzliche Anstieg des Leistungsbilanzdefizits Hinweise auf eine mögliche Fragilität, was bei einer Reihe von Ländern mit hohen Rohstoffexporten durchaus der Fall sein dürfte. Und drittens gibt der Umgang mit den Währungsreserven Aufschluss über die Fähigkeit einer Zentralbank, sich auf bevorstehende Zahlungen einzustellen. Devisen-Swaps, die die US-Notenbank mehreren Zentralbanken von Schwellenländern zur Verfügung stellt, helfen zwar. Vollständig ausräumen können sie die Dollar-Finanzierungsprobleme in einigen Ländern allerdings nicht.

Generell gilt: Insgesamt stehen die Schwellenländer gar nicht so verletzlich da, weil sie keinen allzu großen externen Finanzierungsbedarf haben und ihre Gesamtbilanz auch nicht überlastet zu sein scheint. Insgesamt sind die Schwellenländer gegenüber dem Rest der Welt derzeit Nettogläubiger. Doch das gilt längst nicht für jedes Land. So sehen sich einige Staaten massivem Gegenwind ausgesetzt, mehr als 100 Länder haben inzwischen Notfallhilfen beim IWF beantragt.