Wertpapierverleih von ETF-Anbietern „Wir verleihen noch maximal 50 Prozent der Portfolios“

Sven Württemberger, Leiter Wealth Sales bei I-Shares

Sven Württemberger, Leiter Wealth Sales bei I-Shares

Angst kann nicht nur Berge versetzen. Sie kann auch Fondsgesellschaft en zum Umdenken bewegen. Zum Beispiel jene, die börsengehandelte Indexfonds anbieten, ETFs. Und genau das passiert gerade. Mehr oder weniger freiwillig.

Jahrelang war es üblich, dass ETF-Anbieter Artikel aus ihren Portfolios gegen Gebühren verleihen. Abnehmer sind Eigenhändler, Hedgefonds-Manager und andere Vermögensverwalter, die über Leerverkäufe auf fallende Kurse setzen wollen.

Wertpapierverleih ist eine wichtige Triebfeder im Wettlauf mit dem Index, den es mit dem Fonds abzubilden gilt. Die Managementgebühr – sei sie auch noch so niedrig – wirft jeden Fonds zunächst zurück.

Die kassierte Verleihgebühr holt einen Teil davon wieder heraus. Das bewegt sich häufig zwischen 0,1 und 0,3 Prozentpunkten im Jahr, kann aber auch mal höher gehen. Das Analysehaus Morningstar ermittelte für den HSBC Cac 40 ETF eine Gutschrift von 63 Basispunkten.

Die neue Angst geht um

Doch jetzt haben Anleger eine ganz spezielle Angst: Wenn derjenige, der sich etwas geliehen hat, in dieser Zeit pleitegeht – und das kann bei Hedgefonds sehr schnell passieren –, dann kommt das Verborgte nicht mehr zurück. Damit existiert ein Ausfallrisiko, das in einer Finanzkrise nicht zu verachten ist. „Unsere Kunden haben signalisiert, dass sie sich wohler fühlen, wenn wir maximal 50 Prozent der Wertpapiere aus den Portfolios verleihen“, sagt etwa Sven Württemberger, Leiter Wealth Sales beim Marktführer I-Shares.  

Andere schließen ihren Verleih sogar komplett. Zum Beispiel die Deka-Bank-Tochter ETF-Lab, die seit Dezember ihre Portfolios nicht mehr anzapft. Dabei beobachtete Morningstar noch im vergangenen Herbst, dass in einzelnen Produkten mehr als die Hälfte des Fondsvermögens am Markt unterwegs war. Wobei der Begriff nicht ganz stimmt. Der Leihnehmer hinterlegt regelmäßig Sicherheiten, sogar für ein paar Prozent mehr, als die Leihartikel wert sind.

Inzwischen haben Verbände Stellung zum Thema genommen. So hat die EU-Behörde „European Securities and Markets Authority“ (ESMA) ein Papier namens „ETF Guidelines“ vorgelegt. Darin fordert sie, dass ETFAnbieter regelmäßig enthüllen, wie viel sie gerade in jedem einzelnen Fonds verliehen haben. Hinzu sollen Regeln kommen, wie viel Verleihgebühr mindestens dem Fonds zufließen muss.

Zudem reiche es nicht aus, die Verleihartikel zu besichern. Vielmehr solle auch der Agent, der den Vorgang vermittelt hat, für eventuelle Ausfälle haften. Und schließlich soll der Verleiher seine Verträge so gestalten, dass er die verliehenen Papiere jederzeit zurückrufen kann.

Was machen eigentlich die anderen?



Viel mehr zu denken gibt allerdings das, was ESMA außerdem anmerkt: Wertpapierleihe ist kein spezielles ETF-Phänomen. Deshalb betrachtet etwa auch Thorsten Michalik von der Deutschen Bank die ganze Diskussion mit reichlich Unverständnis. „Im ETF-Markt gibt es Produkte mit einem verwalteten Volumen von 140 Milliarden Euro, bei denen Wertpapierleihe stattfindet. Das Volumen der aktiven Fonds, die traditionell stark Wertpapierleihe nutzen, beträgt dagegen 5.600 Milliarden Euro“, sagt der Chef des Anbieters DB X-Trackers. Er habe aber noch nie Kritik darüber gehört, dass die aktive Fondsbranche Wertpapiere verleiht, deren Wert wahrscheinlich höher ist als das Volumen der gesamten ETF-Industrie. 

Dass ausgerechnet ETFs ins Fadenkreuz geraten, könnte Ergebnis einer simplen Risiko-Addition sein. Synthetische ETFs waren schon vor ein paar Jahren wegen Ausfallrisiken in die Kritik geraten. Sie holten die Index-Wertentwicklungen über einen Swap mit einem Tauschpartner ins Portfolio. Das Ausfallrisiko aus diesen Swaps störte in der Finanzkrise plötzlich, obwohl es nur einen Anteil von wenigen Prozent am Gesamtportfolio ausmacht. Aber wer das bemängelt, vergisst, dass auch normale aktiv gemanagte Fonds modernerweise heutzutage enorme Derivatepositionen im Portfolio halten. Old School ganz ohne Derivate-Schmu ist selten.

Die neue Sicherheit kostet Geld

Aber es gibt ja auch ETFs, die keine Swaps nutzen, sondern die Indizes direkt nachbauen. Die wurden gern mal als besonders sicher dargestellt. Da könnte nun in der neuen Diskussion um Wertpapierleihe auch etwas Häme mitschwingen.

Eines müssen kritische Anleger aber bedenken: Die Gewinne aus Verleihgeschäften haben ihre Rendite aufgebessert. Hinzu kommt der Anteil, der bisher an die ETF-Anbieter geflossen ist und den sie wohl nun dem Anleger in Rechnung stellen werden – wenn auch vielleicht nur zum Teil.